Von Mikroskopen und wirklich wichtigen Dingen
Veröffentlicht von am 05.07.2017 11:47 Schreibe einen Kommentar

In der Rankestraße 4-6 in Erkrath steht eine Schule, das Gymnasium Hochdahl um genau zu sein. Eine Schule wie jede andere, eine auf dessen Internetseite Bilder von Jugendlichen sind, die an Mikroskopen sitzen oder an der Tafel stehen, die lachen und Tag für Tag das eigene Wissen der Körpergröße anpassen. Doch was sich am Montag dem 3. Juli dort abspielt, steht der Bildungsrelevanz des regulären Lehrplans nichts nach, ganz im Gegenteil. Denn an diesem Tag stehen in der Aula drei Männer auf der Bühne, die Eindrücke hinterlassen werden, welche man durchs Pauken nicht gewinnen kann. Im Rahmen des internationalen Theaterfestivals «Neanderland Biennale 2017» inszenieren die drei Schauspieler Matthias Kuchta, Laurant Varin und Zbyszek Moskal ein Stück namens «Papas Kriege», das im Kern auf Feldpost und Tagebucheinträgen ihrer Landsleute, nämlich deutschen, französischen und polnischen Soldaten im Ersten und Zweiten Weltkrieg, basiert. Rhapsodisch und unter Einsatz bewegter Bilder, sowie Musik, thematisieren diese drei Schauspieler gleichermaßen minimalistisch wie imposant nichts geringeres als Europa und den Krieg.

Gleich zu Beginn wird dem Zuschauer ein zentraler Kontrast deutlich: Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Alle drei tragen weiße Hemden und Jeans, der deutsche mit Gürtel und adrettem Schuhwerk, der Franzose eine 3/4 Jeans und insgesamt legerer gekleidet. Als der Deutsche am Aufbau eines Campingtisches scheitert, scheinbar für ein gemeinsames Picknick, zieht er für seine zwei Kompagnons obligatorische Grenzen aus Kreppband; vergeblich. Unter Jauchzen werden diese übersprungen, ein Spiel entfaltet sich, man tanzt und der kurz darauf ausbrechende Streit wird durch den Schnaps, den der Pole aus der Tasche zieht zunächst beigelegt, bricht gleich wieder aufs Neue aus. Gemeinsamkeiten und Unterschiede eben.

«Die Polen stehlen», «Die Deutschen sind Nazis» und «Die Franzosen sind verniggert», werfen sie dem Publikum nacheinander entgegen. Wer jetzt nicht über seine eigenen Stereotype, gerne auch die unbewussten, nachforscht, dem ist vielleicht nicht mehr zu helfen. Diese kargen, hasserfüllten Worte schweben noch wie ein schmutziger Schleier im Raum als die Drei bald darauf entspannt am Boden liegen und sich einander ihre Träume zuwerfen. Nicht irgendwelche Träume, unter Seufzern verlautbaren sie sich gegenseitig die Namen dieser Träume, «Eva», ruft der Pole, es folgen «Bernadette» und «Annegret».

Immer wieder schwankt die Stimmung dieses Stückes und der Protagonisten zwischen Einigkeit und Twist, doch die Gemeinsamkeiten überwiegen, namentlich die Liebe, das Lachen, der Tanz, aber auch die Angst und die Trauer. Denn während der Eine an der Front vergeblich auf Post seiner Frau wartet, versteckt sich der Andere vor den Bomben und letzterer hat einfach nur Durst. Durch die Authentizität in höchstem Maße ergreifend, sprechen die drei Künstler in den Stimmen von Menschen, die doch viel mehr teilten, als sie trennte. Subtil und brachial zugleich werden hier die einfachsten, urmenschlichsten Dinge vor dem Hintergrund des vielleicht komplexesten, bestialischsten portraitiert; dem Krieg.

Mit breiter Brust fordert der Deutsche nun Respekt für sein Volk und rechtfertigt dadurch den Krieg. «Unser Volk zuerst mit Gottes Segen», schließt die Ansprache. Nein, hier wird kein Soldat im Krieg zitiert, ungefähr so stand es jedoch im Buch «Mein Kampf».

Die Ähnlichkeit zum derzeitigen Protektionismus vom ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán oder Sebastian Kurz, dem österreichischen Bundesparteiobmann der konservativen ÖVP, schockiert. Es ist traurig aber wahr. Gebetsmühlenartig wird ein und derselbe populistische Jargon auch heute noch über jede Vernunft hinaus nicht nur gepredigt, sondern gewählt. Spätestens als Szenen des Flüchtlingsbusses von Clausnitz eingespielt werden, «Wir sind das Volk, wir sind das Volk», jeder kennt die verstörenden Bilder, ist die Aktualität dieses Stückes nicht mehr zu verkennen und die Luft in Millionen kleine Teile zerschnitten, der Kloß im Hals schwer, die Augen feucht.

Das Stück ist vorbei und die Künstler sitzen am Bühnenrand, offen für Fragen und selbst bereit dem überwiegend jungen Publikum fragen zu stellen.

«Europa ist eine Chance zum anders sein, ist Vielfalt», sagt Kuchta. Eine Weile wird über Krieg gesprochen, über Europa, persönliche, familiäre Schicksale werden ausgetauscht und man ist gemeinsam betroffen.

In der Rankestraße 4-6 in Erkrath steht eine Schule, in der am 3.7.2017 weitaus mehr gelernt wurde, als an Mikroskopen oder an der Tafel gelernt werden kann. Denn während in Europa verzweifelt um Einigkeit und Zusammenhalt gerungen wird, wurde hier mit einfachsten Mitteln hinterfragt, ob wir zwischen «uns» und den «anderen» überhaupt unterscheiden können.

Das einzig Üble: Es war die letzte Vorstellung in Deutschland.

Vielleicht ist dies jedoch lediglich eine Chance für Sie unsere polnischen Freunde und Nachbarn kennenzulernen. In Polen, oder besser, im polnischen Teil Europas, wird das Stück noch aufgeführt.

Matthias Kuchta, Laurent Varin & Zbyszek Moskal


Hier finden Sie die Künstler Matthias Kuchta und Zbyszek Moskal

Bis zum 23. Juli haben Sie die Möglichkeit, mitreissende Vorstellungen von Künstlerinnen und Künstlern aus Frankreich, Polen und Deutschland zu besuchen. Lassen Sie die Neanderland Biennale 2017 nicht ohne eine Besuch vergehen.

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