Von Wahlkampf und Bratwurst
Veröffentlicht von am 22.09.2017 18:39 1 Kommentar

Lünen eine Woche vor der Bundestagswahl 2017. Ein elektronisch betriebenes Auto, voll beklebt. Rote Werbung, ein Konterfei, freundlich lächelnd, ein Datum: 24. September. Aufruf, an diesem Sonntag ein Kreuzchen bei dieser alten Volksparteien zu setzen.

Rückbank und Kofferraum voll bepackt. Postkarten, Kugelschreiber, Stofftaschen, Notizblöcke. Souvenirs oder Accessoirs oder ‚Waffen‘ oder Give-aways eines Mitglied des Deutschen Bundestags. In diesem Frühherbst. Zu Ende dieser Legislaturperiode. In einem Wahlkreis, um den noch gekämpft werden muss. Wird er rot? Wird er schwarz?
Ein Mittel für Stimmenfang: Präsenz. Demonstrierte Nähe. Ein offenes Ohr. Für Sorgen, Probleme, Berichte aus erster Quelle. Eine reichende Hand. Zur Hilfe, zum Angebot. Mit Lösungen. Im Ärmel womöglich ein Ass.

Auf dem Weg von Termin zu Termin. Michael Thews strahlt große Ruhe dabei aus. Wenn auch nicht immer wissend, was genau bei seinen Terminen auf ihn zukommt. Ortsverein, AWO, Moschee. Alles an einem Nachmittag.
Ein Erbe des Vortags: Die Stimme etwas tiefer als gewohnt. Der Abend mit Jusos ging länger als geplant. Pläne zu ändern gehört freilich dazu.

Bei einem Ortsverein im Lünener Norden die Atmosphäre eines Gartenfestes. Alleinunterhalter unterm Pavillon, Bierbänke, man kennt sich. Wer hier in der Gewerkschaft ist, ist auch im Ortsverein. Geteilte Geschichte, Kohle und Schweiß (ver)binden. Im letzten Jahrhundert kamen hier alle voll Ruß von der Arbeit. Partei ist hier auch ein sozialer Raum, eine Selbstverständlichkeit. Beziehungen. Freundschaften.
Im Hintergrund: Fahnen und Plakate der SPD. Schulz und Thews, Seite an Seite. Zwei Männer, ein Programm.

Wahlkampf mit Bratwurst (mj)

Zu Kaffee und Kuchen zwei Reden, Ärger und Spott auf gegnerische Parteien, Werbung für das eigene Programm. Beschwörung der Anwesenden: jede Stimme zählt, bald ist wieder Sonntag. Der Sonntag. Bis dahin nicht aufgeben, weiter kämpfen. Die Landtagswahl schmerzt nach. „Wir gemeinsam.“ Mit Genossinnen und Genossen. Aber auch: „Ihr müsst jetzt nochmal richtig arbeiten. Nochmal richtig Werbung machen!“

Aktuelle Zahlen werden beiseite geschoben. Von Prognosen beeinflussen lassen? Überzeugungen sind stichhaltiger. Ihnen entgegen, auf der anderen Seite: Eine Regierung in schwarz, die nur sage: „Weiter so, ist doch gut, wie es ist.“
Und im Nacken eine Furcht. Eine Partei mit blauem Logo als drittstärkste Kraft. Ein Albtraum. Könnte Realität werden.

Nach Kaffee und Kuchen: Bier und Bratwurst. Hoch die Tassen, her mit dem Senf. Ein Foto am Grill. Ganz nahbar. Ganz bescheiden. Ganz von nebenan.

Am Lünener Hauptbahnhof, ein Parkplatz, die Arbeiterwohlfahrt: Bierbänke und Schwenkgrill, Bier aus der Flasche, Wurst auf dem Pappteller, die Gleise nach Dortmund gleich nebenan.

Von nebenan auch die Rentnerin, den Sonntag extra frei gehalten („Ich habe allen gesagt, ich bin zum Grillen eingeladen.“), ihr erstes Gespräch mit einem Delegierten aus Berlin. Austausch auf Augenhöhe, Wahlversprechen. Auf beiden Seiten. „Meine Stimme haben Sie!“

Das deutsche Parlamentssystem greifbar. Die erste Stimme verortet. In einer Person.

Parkplatz-Grillen (mj)

Die Deutschen so einfach? Funktioniert so Stimmenfang? Oder eher Stimmenbestätigung?

Abends geht es weiter für Michael Thews in einer Moschee. Ein Termin, sicher diffiziler, als solche mit Bier und Bratwurst.

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