wie Tetris (eigentlich)
Veröffentlicht von am 13.08.2017 10:35 1 Kommentar

Auf meinem Ticket, das ich seit Monatsbeginn bei mir trage, in der kleinen Plastikhülle, doch ohne Foto, („Lichtbild nur im Ausbildungsverkehr erforderlich“ Weil danach alles stockt? Man schlagartig aufhört, sich zu verändern?)

steht: ERWEITERTES NETZ.

Das probiere ich aus, dieses Großraumnetz bei Dauerregen, wie weit trägt es? Bis zur nächstgelegenen Haltestelle, bis zur Endstation. Richtung Bonn wachsen Kohlköpfe auf Gleise und Herbst zu. Das kann nicht das Ende sein. Ein Bus verspricht „Fähre Mehlem“. Da geht es rüber. Wieder Wasser, diesmal von unten. Neben mir zwei Radfahrer mit eingeschweißten Karten. In einer hat sich eine Fruchtfliege verfangen. Ob sie es hinausschafft vor dem Herbst?

Am Ufer wirbt ein Kurcafé mit Klimatisation. Nichts läge mir ferner. Gleich weiter. Fahre ich eine Schleife in die Landschaft. In der 66 sind die Sitze aus grünlichem Kunstleder. Deutschland in den Achtzigern, lande ich wieder in Bonn. Jede Station hat hier eine Farbe. Lässt sich einordnen. Den Juristen gehört blau. Beim Blick auf die Bodenfließen muss ich an Tetris denken. Dass alles einrastet.

Ein Herr mit Halstuch. Der kunstvoll gebundene Knoten verbirgt die Falten der alten Republik. Gelb-bräunliches Zickzackmuster. Ich tippe auf Seide. Meine Gabel sticht in Baiser. Alles Schaum, wir sinken. Angesichts vertäfelter Wände muss ich an den Mauerfall denken. Wieder Tetris, nur andersrum.

Am Nachmittag dann zurück. Umschlagplatz Bahnhofsgleis. Pillen werden getauscht. „Die blauen, ne? Rolls-Royce.“ Auch die Drogen reihen sich ein ins Farbsystem. Fahre ich rückwärts durch Alexei Leonidowitsch Paschitnows Regenbogen.

Es tropft auf den Nebensitz. Mein Schirm ist ein Arm zu viel. Vor mir zwei alte Damen. Schon wieder Pillen. „Sind fürs Herz, aber so milde, möchteste? “ „- Joah, gib her! “ Zwei Rentnerinnen schlucken Herztabletten wie Drops. Jedem Loch seine Pille. Selbstmedikation in Nrw. Den Pegel halten. Das Wasser im Rhein steigt auch. 

Nachtrag: Alexei Leonidowitsch Paschitnow, der Erfinder des Computerspiels Tetris, erhielt nichts von den Einnahmen, die sein Spiel einbrachte.

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