Wien – Viernheim – Mettmann – Wuppertal: Vier Nächte, vier Betten
Veröffentlicht von am 10.07.2017 3:20 Schreibe einen Kommentar

Morgen 1

Noch einmal in Wien aufwachen, direkt an der großen Umgehungsstraße im neunten Bezirk, ich kenne die gefühlt 100.00 Pendler selbstredend alle persönlich, werde sie jedoch nicht vermissen. Dafür bleibt auch keine Zeit, denn just ist das Studium abgeschlossen, sitze ich auch schon im ICE Richtung Mannheim. Nun ist es 18:30 Uhr, Donnerstag der 29.6.2017 und ich habe gut acht Stunden reise hinter mir und etwas, das sich anfühlt wie ein festgezurrter Knoten, zwischen zwei Nackenwirbeln. Nicht’s desto Trotz geht es vom Mannheimer Hauptbahnhof sofort weiter nach Viernheim, meine Heimatstadt, ins griechische Restaurant. Meine Familie hat seit Weihnachten kaum etwas von mir gehört und nun das Recht mich beim Essen zu beobachten. Anschließend treffe ich noch einen Freund auf ein Bier zu viel und schlafe meinen Knoten ein wenig fester in den Nacken.

Morgen 2

Am nächsten Tag geht es jedoch ohne Rücksicht auf Verluste direkt weiter, ein neues Kapitel beginnt, eines, auf dass ich mich seit Wochen freue: Schreiber für die Kulturregion Bergisches Land. «Was ist das?», wurde ich bisher etliche Male gefragt und stolperte immer wieder über verschiedenen Erklärungsversuchen. Nach einer Weile antwortete ich insgeheim auf die Frage «Was machst du dort», dies fiel mir leichter, denn mein Ziel ist klar: Das Bergische Land, seine Menschen und die Natur literarisch und journalistisch Erkunden. Noch (ins)geheimer: Abstand gewinnen. Die letzten fünf Jahre Großstadt lagen mir in den Knochen und wohl auch zwischen den Ohren, jetzt bin ich gespannt, welche Neurosen ich vom Landleben wohl davontragen kann. Deshalb sitze ich die 300km trotz eines Staus in Köln mit einem Dauergrinsen im Auto.

Kurz vor dem Ziel meldet sich meine Reiseführerin mit ihrer blechernen Stimme zu Wort, «in zwei Kilometern parken, du musst zu Fuß zum Ziel», ein Schmunzeln auf meinen Lippen. Die besagten zwei Kilometer später missachte ich jeden gut gemeinten Ratschlag und biege von einer Landstraße im Nirgendwo auf eine Art Feldweg im Niemandsland ab, denke kurz an die Idylle von «Twin Peaks» in der gleichnamigen TV-Serie und fühle mich wie «Agend Cooper» persönlich.

Die letzten Meter führen mich über eine steinige Piste, «wie romantisch», denke ich mir, und als ich mein zukünftiges Domizil, erblicke, stehen auch schon Frau Utke, meine Betreuerin im Bergischen, und die Vermieterin Frau Bruckhaus vor der Tür.

«Guten Tag Frau Bruckhaus, guten Tag Frau Utke. Ich freue mich endlich angekommen zu sein». Das Wort «ankommen» hallt für mich noch lange nach. In meinen fünf Jahren Großstadtdschungel konnte ich meistens dann ankommen, wenn ich abseits der Kaffeehäuser und Fiaker in der Natur war; Eindrücke verarbeiten, durchatmen. Jetzt wohne ich gewissermaßen abseits und kann so viel atmen, wie ich will, wohne in einem frei stehenden, kleinen Ferienhäuschen, die roten Ziegelsteine, alle unterschiedlich, begrüßen mich eben so herzlich, wie meine Gastgeber. Auch im Inneren werde ich überall liebevoll empfangen, sei es vom Licht, das sich in allen Winkeln breitmacht, von den schweren Tannenzapfen, die wir in meiner Kindheit bedrohlich Gockel nannten, und die wir in den Schulpause zur «Gockelschlacht» über den Hof donnerten, oder auch von den zahlreichen, liebevollen Details, wie dem kleinen Wasserschieber in der Dusche. «Ferien scheinbar Zuhause». Als Werbeschreiber würde ich wohl auch den ein oder anderen Taler verdienen, aber es gibt bekanntlich viele Wege auf die Schiefe Bahn zu geraten, bleibe ich doch lieber ein anständiger Regionsschreiber.

 

Frau Bruckhaus hat mir übrigens einen Kuchen gebacken und nachdem das erste Stück im Magen liegt, lerne ich Herrn Bruckhaus kennen. Ein robust wirkender Mann mit festem Händedruck, hellen Augen und auffallend schönen Zähnen. Er trägt eine einfache Brille und wirkt ebenso besonnen wie tatkräftig. Er begrüßt mich herzlich, der flotte Spruch springt ihm über die Lippen am Schnauzer vorbei, geradewegs auf mich zu; ich glaube, ich komme so langsam an.

Am ersten Abend habe ich keine Energie mehr zum Kochen, ich esse Reis und Soße, beides von einem entfernten Onkel, den ich überhaupt nicht kenne, irgendwie komme ich mir bei diesem Abendmal bodenständig vor, so allein in Mettmann mit Reis, Stift und Papier.

«TIK TAK TIK TAK», gerade als ich die Ruhe zu verstehen lerne, drängt sich eine Uhr auf. Wie selbstverständlich hole ich mir die kleine Tretleiter (Frau Bruckhaus hat an alles gedacht), nehme die Uhr von der Wand und die Batterie heraus. Die Vögel danken es mir dafür in bergischem Zwitschern. Auf 7.15 Uhr bleibt die Uhr stehen und ich gehe bald schlafen.

Morgen 3

Als ich früh morgens aufwache, regnet es und ich bin ein wenig enttäuscht, da auch meine Stimmung etwas verregnet ist. Viele Eindrücke, viele Strapazen und heute geht es gleich weiter. Wir haben eine Auftaktveranstaltung, bei der alle zehn Regionsschreiber (für Verfechter des Gender-Wahnsinns soll hier nicht unerwähnt bleiben, dass sieben Frauen unter den zehn Auserwählten sind), sowie die jeweiligen Betreuer und Organisatoren zusammenkommen. «Oder einfach liegen bleiben?», frag ich mich und versuche mit aller Kraft das Klingeln meines Weckers zu leugnen. Nein, nein, nein! Zum Liegenbleiben hab ich noch genug Zeit, immerhin werde ich nun für’s kreative Schaffen entlohnt, dazu gehört oft auch das Liegenbleiben, aber nicht heute.

Die Tagungsstädte liegt ebenfalls im Bergischen Land, in Wuppertal, ist also nicht weit weg von meinem neuen Zuhause, und nachdem mir der Kaffee klar gemacht hat, dass der Tag eben doch vielversprechend ist, komme ich gut gelaunt an der Silvio-Gesell-Tagungsstätte an. Selbstverständlich treffe ich hier auf tolle Leute mit denen ich die Lust am Schreiben teile und das Beste: Jeder ist erschöpft, ich falle deshalb also nicht negativ auf. Es wird viel zu viel gegessen und noch bis nach Mitternacht in kleinem Kreise auf einen Geburtstag angestoßen, ich falle ins Bett und frage mich dann doch irgendwie, wann das mit dem Schreiben losgeht.

Morgen 4 

Ich kenne diesen Silvio nicht, aber seine Betten sind spitze! An meinem vierten Morgen im vierten Bett wache ich zum ersten Mal von allein auf, beinahe zumindest. Denn auch hier sind die bergischen Vögel omnipräsent, sie begleiten mich seit zwei Tagen und versüßen mir diesen Morgen. «Besten Dank! Möchtet ihr, dass ich mal über euch schreibe?».

Ich fühle mich munter und spiele ein wenig Gitarre, da merke ich, dass sich mein Spiel etwas verändert hat. Das ist mir im Auslandssemester in den USA schon mal passiert. Man tritt in eine andere Welt, die natürlich abfärbt, und dies vor allem im musischen, wo Durchlässigkeit und Sensibilität ständig mitschwingt. Außerdem merke ich jetzt, dass es etwas fehlt: Der Knoten im Nacken ist weg! Wo ist der denn hin?

Bin ich nun angekommen?

 


Alle Informationen zu den wundervollen Appartements der Familie Bruckhaus in Mettmann finden Sie hier.

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