Zwischenruf: Pandemie-Paradoxa
Veröffentlicht von am 17.03.2020 15:31 Schreibe einen Kommentar

Ich sitze im Neandertal und nebenan übt ein Mensch Posaune. Da er’s kann, der Posaunenmensch (er übt nur noch Details), ist das ein prima Zustand. Das Neanderthal ist ohnehin schön, hat nur noch nicht offenbart, ob es mit h geschrieben sein will oder ohne. Nach 16 Tagen habe ich herausbekommen: Beides geht (aber für die Details habe ich ja auch noch Zeit).

Ich würde meine:n Posaunennachbar:in gern kennenlernen, doch die Zeiten sind missgünstig. Unnötige Reisen, unnötige Aufenthalte in belebten Räumen, letztlich auch unnötige Sozialkontakte sollen vermieden werden, sagt die Bundesregierung. Das Internet sagt: #StayTheFuckHome (zumindest der Teil des Internets unter Vernunftsverdacht).

Ein Freund sagt: Uns Künstler:innen und Kulturschaffenden brechen gerade zuhauf die Aufträge weg. Du dagegen: Vier Monate Stipendium statt Existenzangst, Landleben statt Gefahrenzone Stadt, sei froh! Sie haben recht, Regierung, Internet und Freund. Hilft allerdings nicht gegen die Wirkung dieses neuartigen Gefühlscocktails. Frühlingsgefühle mit einem guten Schuss Panik. No more FOMO, aber auch no more Zwischenmenschlichkeit. Der Posaunenmensch übt an dieser Stelle einen dramatischen Triller, es ist, als hätten wir’s geplant.

Wie alle stadt.land.text-Stipendiat:innen bin ich mit einem Projektvorhaben in die Kulturregion gereist: Im Bergischen Land solltewolltedurfte ich mit Menschen sprechen, die etwas zu erzählen haben, hatte vor, Ureinwohner:innen wie Neuangekommenen ihre Geschichten abzulauschen, ihre Sprache zu verdichten, Monologe zu schreiben und Porträts, die etwas vermitteln über die Gegend und die Menschen darin. Wie ein anderer Freund sagte: Joah. Verträgt sich so mittel mit social distancing, wa?

Projekt ruht also. Posaunist:in ruht jetzt ebenfalls (der Triller klang wirklich knifflig). Wir hatten beide eigentlich gerade erst angefangen. Aber Gefühlscocktails machen eine:n eben auch fahrig: Just hatte ich mich über eine Biene gefreut, die durchs angelehnte Fenster kam (findiges Tier, grazile Beinchen, schicker Pelz, Biene müsste man sein! Jetzt aber raus hier, wir nehmen’s ernst mit dem Sicherheitsabstand), dachte, dass man nur den still genossenen Espresso wirklich zu schätzen weiß – da regte ich mich bereits wieder über einen munteren Spaziergänger:innenpulk vor meinem Fenster auf, könnt ihr nicht gucken/hören/lesen oder seid ihr schlicht/asozial/ignorant?

So ist’s mit allem. Hier noch die Aufgaben sortiert, zu denen man sonst nie kommt, die Bücher bereitgelegt, die immer schon mal gelesen gehörten, da bereits wieder drei Stunden am tagesschau-Livestream geklebt und sinnlos Push-Mitteilungen über neue Hochrechnungen konsumiert. Im einen Moment blickt man noch beim unumgänglichen Einkauf in Düsseldorf fassungslos auf leergerupfte Regalreihen (was für eine utopisch-schöne Vorstellung übrigens, diese Laune der Natur würde allen ein Stück durchgeballerter Konsumkultur abgewöhnen oder die zwangsläufig eintretenden Erholungserscheinungen der Umwelt schmiedeten an einem steigenden Bewusstsein für den Klimawandel mit, wollen wir das vielleicht gemeinsam forcieren? JA? Top!). Im nächsten Augenblick erspäht man genau vor dem REWE einen wohlgelaunten Erpel, der – verflixt. Ich wollte ja eigentlich von diesem Erpel erzählen.

Jener Erpel also watschelte, als ich vorhin notgedrungen das letzte Päckchen Linsen mit mir Richtung Landsitz trug, auf dem REWE-Parkplatz umher, offensichtlich bester Dinge. Den vorbeihastenden Menschen wich er mit spürbarer Missbilligung aus, kommentierte prallgefüllte Einkaufstüten mit einem Quäken und suchte den Winkel, in dem das Sonnenlicht grünes Halsgefieder zum Leuchten bringt (Spoiler: Fand ihn auch). Als ich mich neben ihn setzte, schüttelte er den Schnabel, und weil mir das angesichts meines Linsenpäckchens, angesichts der ganzen Lage die einzig richtige Reaktion zu sein schien, fragte ich den Enterich, wie lange diese Sache noch dauern würde. Ob er darauf zufällig auch eine Antwort habe. Wie man den Ernst der Situation allen, wirklich allen begreiflich machen könne, was das für die Wirtschaft bedeute, was für die Welt, was für die Friseurinnen und Friseure. Was er davon halte, welche Katastrophen für diese nun gerade aus dem öffentlichen Bewusstsein gespült würden, allen voran die erschütternde Situation Geflüchteter an den Toren Europas. Ich fragte, ob wir hinterher wenigstens klüger wären und die Leute im Sozial- und Gesundheitssektor mehr rühmen würden und bezahlen, ebenso wie viele Journalist:innen und Politiker:innen, ach, und ob er es eher als Stresstest für die Gesellschaft sähe, der Rechtsruck-, Abschottungs-, Wutbürgertendenzen noch befördere, oder als Möglichkeit zur Umkehr, zur Wiederentdeckung von Innerlichkeit und Solidarität und Espresso.
Der Erpel sagte erwartbarerweise, halt’s Maul, ich bin ein Erpel, und watschelte ab (Erpel sind grob).

Immerhin aber ging’s mir besser damit, die Fragen einmal gestellt zu haben, weshalb ich das Bienen, Erpeln und allen anderen dringlich empfehlen möchte: Alles aussprechen, alles auf den Tisch legen jetzt mal, dafür haben wir doch nun Zeit. Müssen hoffen, dass diese Kurve abflacht. Und ich hab noch Linsen, wenn wer braucht.

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