Zwischenruf: Schnipsel III
Veröffentlicht von am 04.08.2021 13:00 Schreibe einen Kommentar

Als Regionenschreiber ist man ja oft auf der Jagd. Nach DEM Satz, der wirklich etwas von der Umgebung erzählt, DEM Moment, in dem Menschen etwas offenbaren. Die Jagd macht müde. Deshalb setzt man sich. Und wenn man dann sitzt, ereignen sich Satz oder Moment manchmal völlig unvermittelt. Viel öfter noch ereignet sich gar nichts. Und am häufigsten ein Weder-Noch, das erstaunlich dringend aufgeschrieben sein will. Verstreute Notizen.
(Anm.: Auch eine liebgewonnene Gewohnheit vom letzten Mal; Schnipsel I & Schnipsel II)

Wuppertal, Südstraße, Ecke Gesundheitstraße. Die ältere Dame, die mürrisch die Anhöhe erklimmt und dabei ihren Rollator wie einen lästigen Einkaufswagen vor sich her schubst. Sie schimpft beständig gegen die Mittagshitze an, scheucht zwei Schulkinder aus dem Weg und hält inne, als sie den Scheitelpunkt der Straße erreicht hat. Sie dreht sich um, niemand ist hinter ihr, sie sagt: „Dann muss man sich halt etwas einfallen lassen, damit die Kunden nicht alles ausprobieren.“

Wuppertal, Bahnhofsstraße. Der Mann im Anzug, der verschwitzt das Geschäft betritt, sich umblickt wie ein gehetztes Reh, der den Ladenbesitzer anspricht: Er müsse jetzt scannen. Scannen? Ja. Er müsse jetzt scannen, sein Zug habe nämlich Verspätung. (Die nur ihm selbst zugängliche Logik, die dafür absolut zwingend scheint)

Wuppertal, Willy-Brandt-Platz. Das kleine Mädchen, das seinem Vater glücklich seine Saurier-Tätowierungen zeigt – Rubbel-Tattoos aus dem Zeitschriftenladen, die sie auf jede verfügbare Fläche geklebt hat. Der Papa muss gucken: Ein grüner Dino auf dem Handrücken, ein gelber Dino auf der Schulter, ein Flugdino auf dem anderen Arm, ein T-Rex auf dem Schienbein. Tochter, glücklich: Das mach ich auch, wenn ich groß bin! Vater, erschrocken: Tattoos? Tochter: DINOSAURIER!

Wuppertal, Schloßbleiche. Der Mann, der seinen Spazierstock ans Geländer lehnt. Mühsam den obersten Hemdknopf schließt. Der den Hut richtet, die Ärmel, der mit geschwollenen Fingern seinen Kragen überprüft. Er greift wieder zum Spazierstock, atmet ein, räuspert sich. Und marschiert gemessenen Schrittes flußaufwärts. 

Wuppertal, Nützenberger Straße. Wie man manchmal Widerstand leistet, indem man alte Befehle befolgt. Oder besser: Wie sich der Golden Retriever weigert, das Geschäft zu betreten, indem er Männchen macht. Das Geschäft ist ein Laden für Klaviere und vielleicht hat er dort drin schlechte Erfahrungen gemacht, vielleicht schreckt ihn der Geruch von blankpoliertem Holz oder falschen Noten. Vielleicht ist es auch einfach nur eine Laune, aber anders als sein Herrchen will er die Schwelle partout nicht überschreiten, macht jetzt sogar Sitz und gleich darauf Platz und hechelt ausnehmend folgsam. Es nützt ihm nur alles nichts, weil die Leine an ihm zerrt, die Leine, dieses arglistige Ding, die wird er sich, wenn dieser Tage einmal niemand hinsieht, vornehmen müssen. 

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