Zwischenruf: Schnipsel IV
Veröffentlicht von am 15.09.2021 17:14 Schreibe einen Kommentar

Als Regionenschreiber ist man ja oft auf der Jagd. Nach DEM Satz, der wirklich etwas von der Umgebung erzählt, DEM Moment, in dem Menschen etwas offenbaren. Die Jagd macht müde. Deshalb setzt man sich. Und wenn man dann sitzt, ereignen sich Satz oder Moment manchmal völlig unvermittelt. Viel öfter noch ereignet sich gar nichts. Und am häufigsten ein Weder-Noch, das erstaunlich dringend aufgeschrieben sein will. Verstreute Notizen.
(Anm.: Auch eine liebgewonnene Gewohnheit vom letzten Mal; Schnipsel I & Schnipsel II & Schnipsel III)

Solingen, Entenpfuhl. Die kleine Tochter zeigt, wie sie mit ihrem ersten Skateboard hüpfen kann. Der noch kleinere Sohn hat noch kein Skateboard, hüpft aber umso aufgeregter nebenher. Die Mutter strahlt, die Mutter filmt mit dem Handy – als die Tochter strauchelt, stürzt. Blutiges Knie. Mutter: „Oje, hast du dir weh getan?“ Tochter: „Gar nicht! Der René hat mich ab-ge-lenkt!“

Solingen, Elisenstraße. Ein Mann kommt angeradelt, die Augen zusammengekniffen wegen der Sonne. Er trägt ein Hemd mit großem Porsche-Aufdruck. Als hinter ihm ein Motor herandröhnt, will er auf den Bürgersteig wechseln, unterschätzt aber die Kante und prallt ab. Das Fahrrad schwenkt zur Seite, ihn hebt es aus dem Sattel, ein Skoda fährt vorbei. Der Mann reibt sich die Handgelenke und sieht kopfschüttelnd hinterher: „So geht dat nicht. Ich brauch auch mehr Räder.“ 

Solingen, Südpark. Zwei junge Herren mit Bart und Bierdose kumpeln sich durchs Grün. Auf ihren T-Shirts E-Gitarren und Blitze, die sich nicht ganz bis über die Bäuche dehnen. Sie marschieren zwischen spielenden Kindern einher, überholen eine Dame mit Rollator, lachen dröhnend. Als sie vorbeigehen, sagt der eine gerade: „Und weißt du was? Schlanke sind auch nur zu blöd zum Essen.“ 

Solingen, Lüneschloßstraße. Der Vater hat einen E-Roller gemietet, der kleine Sohn fährt auf der Lenkstange mit. Sohn: „Morgen müssen wir wieder Fahrrad fahren.“ Vater: „Ja, das machen wir.“ Sohn, kritisch: „Aber wirklich!“

Solingen, Rostertreppe. Zwei Handwerker schleppen sich die Stufen hinab. Sie kommen sichtlich von der Arbeit, der eine trägt einen Werkzeugkasten. Der andere ist eher unten und klopft sich auf den Bauch: „Wenn der auch mal wat tun würde, wären wir alle schon zuhause!“

Solingen, Klosterwall. Zwei Damen im Eiscafé, sie bekommen Erdbeereisbecher mit Sahne. Während sie eine angeregte Unterhaltung fortsetzen, interessiert sich aber auch eine Wespe für die Köstlichkeit. Die eine der Damen spricht unentwegt über einen Zirkus, der nicht mehr in die Stadt kommt, die andere löffelt unter konzentriertem Nicken ihr Eis. Bis es der einen zu blöd wird und sie nach der Wespe schlägt, dabei ihren eigenen Eisbecher zu Fall bringt, die Sahne spritzt quer über den Tisch, die Dame springt auf: „Ja, hat man denn nirgendwo seine Ruhe vor der Natur?“

Solingen, Graf-Wilhelm-Platz. Der Busfahrer, der seine Spur nicht findet. Der schwitzend am Lenkrad kurbelt und den ganzen großen Apparat von Auto schließlich einmal im Kreis dreht. Dann aussteigt und sich von einem Kollegen zurufen lässt, wo er eigentlich hin muss, den Rückwärtsgang einlegt und piepend einen neuen Versuch startet. Diesmal verkeilt er sich fast zwischen Taxen und manövriert abermals neu, diesmal glücklich gelenkt vom aufmunternden Applaus der Passanten. 

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