Bleiben UND Gehen
Veröffentlicht von am 04.09.2017 12:51 Schreibe einen Kommentar

BLEIBE. Wie ist das nur gemeint. Trotzig als Verb? Oder heimelig als Nomen? In jedem Fall ein Statement an diesem alten Fachwerkhaus in der Mitte des kleinen Orts an der Straße nach Winterberg. Neben dem Haus mit seinem hohen Giebel plätschert der re-naturierte (ja auch das, scheint im Sauerland manchmal nötig!) Bach, um die Ecke der Metzger, ein Restaurant, eine Pizzeria, ein Hotel, der Bäcker, die Post, ein kleiner Supermarkt, ein Getränkehandel, zwei Bankfilialen und die Kirche.

Ein funktionierender kleiner Ort, auch wenn ein zweites Restaurant inzwischen geschlossen ist und im andern nie Leute zu sein scheinen und es keine Kneipe im engeren Sinn mehr gibt. Auch das „Erlebnismuseum“ des Orts, zu Tier und Pflanzenwelt im Sauerland, musste vor drei Jahren schließen, weil für die notwendige Modernisierung kein Geld zusammenkam. Das Freigehege kurz hinter dem Ort, oberhalb im Wald, zur Forschung und zum Anschauen von Ernie und seinen Freunden. Das sind 20 Hirsche, die zur Fütterung ganz nah kommen. Das Gehege sollte ebenfalls dicht machen, konnte aber – wie so oft in der Region – durch eine ehrenamtliche Initiative gerettet werden. Hierbleiben. Dableiben.

Einen Kindergarten, schön gelegen direkt über der Stadt am Waldrand, und auch eine einzügige Grundschule – sie hat Schüler aus 12 umliegenden Orten und „Bauernschaften“, und eine Arztpraxis mit drei Ärzten gibt es – Landarztmangel zum Trotz. Ein Ort zum Bleiben, weil er lebt. Links und rechts die Hügel, eine Wallfahrtskirche auf dem Berg – keine Windräder, keine freilaufenden Wisente (DIE Reizthemen im Sauerland). Und auch der alte Herr, der tagein, tagaus mit Hut auf dem Kopf vorm Haus an der Hauptstraße sitzt, weil da noch was passiert, der ist real. Sauerland working.

Da geht es anderen im HSK anders: All die Durchfahrtsorte mit, tja, gar nichts. Nur Häuser zum Wohnen. Die großen und kleinen Orte mit Leerständen direkt an der Hauptstraße, vor allem am Ende und Anfang. Da dröhnen dann die Motorräder am Samstag und Sonntag niemanden mehr aus dem Schlaf. Da nutzen dann auch die schöne Natur, eine 800 jährige Geschichte, höhere Busfrequenzen oder Bleibe-Anreize nichts mehr. Diese Orte führen ein Leben als Untote, in denen das gemeinschaftliche Leben stirbt und die Leute nur bleiben, weil sie keine Alternative haben. Netflix und Sky Abos, Einladung zu Freunden am Ort oder weite Autofahrten als Sozialleben.

Warum diese Entwicklung? Kleinere Familien, zermürbende Pendeljob und dem zeitsparenden Einkauf irgendwo in der großen Stadt am Weg, Fernbeziehungen, ausbleibende Touristen an den Rändern, Klimawandel und weniger Schnee, die Kneipenerträge zu gering, Söhne und Töchter von Bauernhöfen, die lieber studieren, dazu auch hier eine alternde Gesellschaft, die biologisch bedingt kleiner wird.

In meinem Städtchen aus Fachwerk, mit einem bisschen Tourismus, Landwirtschaft sieht es okay aus, denn es gibt den „Schnadegang“. Schon ein paar hundert Jahre. Einst, als es noch keine Grundbücher und Katasterkarten gab, diente er der mündlichen und schriftlichen Überlieferung der Gemeindegrenzen. Man traf sich mit den Nachbargemeinden und prüfte gemeinsam den Grenzverlauf. Heute ist der Schnadegang Anlass alle und alles kennenzulernen, und neben Schützenfest und kleineren Gastrofestival die Nachbarn zu treffen.

Letzten Samstag, 7.30 Uhr morgens zog deswegen die Blaskappelle durchs Städtchen, Feuerwehr fuhr vorweg – mein Sohn und ich in Pyjamas vor der Tür, still staunend. Leute mit Wanderstöcken und Hüten, mit Rucksäcken und Hunden. Das war der frühe Auftakt für 18 km Schnadegang im Jahr 2017, querfeldein, bergauf und ab, mit Mittagsrast und Abschlussfest über der Stadt. Sie stiegen dann in einen Bus, um zum Startpunkt für ihren Rundherummarsch zu kommen.

Um 9 abends, es dämmerte, die Familie und ich saßen nach einem faulen Tag im örtlichen Restaurant bei Bier und Hirschragout. Und wie wir saßen tröpfelten alle paar Minuten Wanderer an uns vorbei – Schnadegänger auf dem Heimweg nach über 12 Stunden, still und entspannt, ein bisschen verschwitzt, lächelnd mancher, jedenfalls ganz da. Bleibe! Das hab ich verstanden.

#sauerland #stadtlandtext

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