Grenzwerte
Veröffentlicht von am 07.08.2020 0:27 Schreibe einen Kommentar

Bergbau war für mich immer Kohle, war Steigerlied, Bochum, Ruhrgebiet, war dunkle tiefe Nacht. Und heute frage ich mich oft, warum habe ich nicht mehr darin gesehen, zu Beispiel einen magischen Prozess, mit dem man Eisen und Stahl herstellt. Die Arbeit der Zwerge war für mich lange ein Geheimnis, dass sich während meiner Regionsschreiberzeit in Südwestfalen nach und nach gelüftet hat.

Die für die Verhüttung von Eisen und Stahl notwendige Kohle kam über die Ruhr-Sieg Strecke aus dem Ruhrgebiet nach Südwestfalen. Diese Strecke steht praktisch symbolisch für die Beziehung beider Regionen. So haben der Regionsschreiber des Ruhrgebiets, Brandstifter und ich beschlossen, diese zu bereisen, um Grenzwerte zu sammeln. Im Gegensatz zum Ruhrgebiet mit seinen großflächigen Komplexen ist die Industrielandschaft in Südwestfalen kleinteiliger und verwinkelter.

Also machen wir uns an einem Tag im Juli auf die Strecke. Unterstützt werden wir bei unserer Aktion von Tanja Roolfs, Brandstifters Lebens- und Kunstpartnerin. Die beiden sind seit 1999 das Performanceduo horstundireneschmitt. Glück auf, würde der Bergmann sagen, mit so einem tollen Künstlerpaar zusammenzuarbeiten.

Der erste Streckenteil der Ruhr-Sieg, von Hagen bis Letmathe wurde bereits 1859 eröffnet, Letmathe bis Altena und Altena bis Siegen folgten 1860 bis 1861. Es ist eine schöne Strecke von 106 km, die überwiegend durch das Tal der Lenne führt. Die Regionalbahn fährt an vielen Stellen durch scharfe Kurven, wenn es an diesem Nebenfluss der Ruhr entlang oder durch einen der vielen Tunnel geht. Wir haben den Eindruck durch eine naturbelassene und in großen Teilen noch verwilderte Landschaft zu fahren. Dabei ist das historisch überhaupt nicht so. Die Lenne wurde an vielen Stellen für Strom- und Wasserversorgung aufgestaut. Und da es weitflächig Kläranlagen erst nach dem zweiten Weltkrieg gab, gelangte, was für die Kanalisation bestimmt war, in die Bäche und Flüsse. Die Lenne soll an vielen Tagen eine gelbe Brühe gewesen sein.

Davon ist an diesem Tag nichts zu spüren, als wir auf Plettenberg zu fahren, spiegelt sich im Wasser glitzernd der Sonnenschein wieder.

Es ist ein schöner Platz, ein Café, Menschen sitzen draußen und unterhalten sich. Einer Frau reiche ich unseren Flyer, lade sie zu der Veranstaltung am nächsten Abend ein. Sie lächelt, meint aber, dass sie bis nach Altena fast eine Stunde Fahrzeit hätte, da käme sie selten hin. Ich reagiere überrascht, denn die Fahrt mit dem Zug dauert nur eine viertel Stunde. Die Frau schiebt ihre Mülltonnen vor dem Haus zusammen, antwortet, Abends führe die Regionalbahn nur noch stündlich, und die Strecke mit dem Auto habe eben viele Kurven, deswegen dauert es auch so lange.

Dass sie unsere Kunstaktion auch demnächst im Internet anschauen kann, sage ich der Frau noch zum Abschied. Sie nickt freundlich, bevor sie in ihrem Hauseingang verschwindet. So bleibt doch nur der Bildschirm, das wordlwideweb, um sich nicht nur mit dem Geschehen der Welt, sondern auch der Region zu vernetzten.

Einige Meter weiter findet Brandstifter eine verlorene Botschaft, einen Keeper, wie er die gefundenen Zettel nennt, die nicht nur einen Augenblick, ein momentum wiedergeben, sondern eine ganze Ära, eine eigene Geschichte schreiben. Aus der Notiz öffnen sich Türen, wie bei diesem Zettel mit aufgelisteten Telefonnummern aus dem Krankenhaus.

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Wir kommen an mehreren Fahrschulen vorbei, das scheint gut hier zu laufen, das mit dem Führerschein, ohne den geht es wohl kaum in der Region.

Am Bahnhof Finnentrop steigen zwei Reisende mit Fahrrad zu uns in die Bahn. Ansonsten sieht das Gelände leer aus. Früher, als die Finnentroper Hütte noch in Betrieb war, war hier reger Verkehr, und im ersten Weltkrieg eine Feldküche und Sanitätskolonne eingerichtet.

Von alledem sind nur noch ein paar alte Bäume Zeugen, die am Rand der Strecke stehen. Selbst die alten Gebäude sind nicht mehr da.

Auch der Kulturbahnhof Lennestadt wirkt an diesem sommerlichen Tag verlassen. Dabei hatte ich mich auf den besonders gefreut. Von dort werden für den literarischen Herbst immer zwei Autoren durch die Schulen der Gegend auf Lesereise geschickt. Aber an diesem Tag ist das Café geschlossen. Nicht mal Kinder spielen auf der alten Look, die zu einem Spielplatz umgebaut wurde. Auf einem Schild steht 1861, das Datum, an dem die Ruhr-Sieg-Strecke eingeweiht wurde und hier in Grevenbrück war es auch, dass der Zug bei der Eröffnungsfeier entgleiste.

In Kreuztal am Kulturbahnhof schließlich sind Ausstellungsräume und Café geöffnet. Dort steht der Kofferturm von Annette Besgen und Ulrich Langenbach. „Ich habe noch einen Koffer in Kreuztal“, ist die Inspirationsquelle, angelehnt an das Lied von Marlene Dietrich „Ich habe noch einen Koffer in Berlin“. Mit der Darstellung des Sammelns über die Anhäufung der Koffer, und gleichzeitig der Darstellung der lokalen Verankerung ist der Kofferturm auch eine Metapher für die Werkprojekte von Brandstifter und mir, das Sammeln, Bleiben, Wiederkommen und Aufbrechen manifestieren sich hier in einer Landmarke, bei uns in Text und Wort.

horstundireneschmitt vor dem Kofferturm

Im Kulturbahnhof wird eine Ausstellung von Eberhard Stroot gezeigt, einem lokalen Künstler, über den in meinem Text Understatement berichtet wird. Die Ausstellung backstage- on the stage greift die Thematik der Bewegung auf, mit der sich Eberhard Stroot bereits ein Leben lang beschäftigt. Auf den Bildern sind Menschen, Sportler und Tänzer zu sehen. Durch die dahinterliegenden Spiegel wird die Dynamik ins Unendliche vervielfacht. Brandstifter macht eine freundliche Übernahme, stellt ein paar vor Ort gefundene Botschaften aus, der Kunstraum kommt in Bewegung, verändert sich, wird zu einer kreativen Zone.

backstage- on the stage

Auf der Ruhr-Sieg sind Bergbau und Hüttenförderung längst Vergangenheit geworden, dafür säumen nun kulturelle Hotspots mit Literatur- und Kunstförderung die Strecke. Um die Mobilität der Bewohner zu vereinfachen und das Klima zu schonen, könnte der Bahnverkehr sicherlich intesiviert werden, den schönen und ambitionierten Kulturbahnhöfen würde es sicherlich nützen.

Aus den Fundzetteln der performativen Begehung ist eine Asphaltbibliotheque Südwestfalen entstanden. Eine Dokumentation über die Poesie des Alltags, entstanden aus einer fallen gelassenen Notiz, ein Vorüberflattern der Zeit, die doch immer viel zu schnell vergeht und von der am Ende nur die stillen Zeugen bleiben. Ein Gebäude, eine Zahl, eine Botschaft, eine Strecke des Lebens.

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