Iconoclash im Zeitalter von Corona
Veröffentlicht von am 21.03.2020 14:26 Schreibe einen Kommentar

Unter der heiligen Agatha habe ich früher oft gestanden.

Eine goldene Statue, die auf einem hohen Sockel steht und den Kircheneingang bewacht. Ihren Blick hat sie weder auf die vorbeieilende Gemeinde, noch gen Himmel gerichtet. Sie starrt ins Ungewisse, ihre rechte Hand zur Seite gestreckt, eine unbestimmte Geste, mit der sie die, dort unter sich scheint schützen zu wollen, mit der Linken hält sie das Kreuz vor der Brust.

 

Wenn wir aus der Messe kamen, die Erwachsenen stehen blieben, um sich zu verabschieden, noch ein paar Worte tauschten, ihre sozialen Kontakte pflegten, dann drehte ich meine Runden um die heilige Agatha. Es gab ja sonst nichts. Keinen Spielplatz weit und breit, nur ein Parkplatz auf der anderen Seite, dort ein weiteres Denkmal, der Pannenklöpper, der an das Schmiedehandwerk erinnert, Reichtum der Region. Aber zum Pannenklöpper durfte ich nicht, denn ich musste in Sichtweite bleiben. Also drehte ich Kreise um die Schutzpatronin Agatha, die der Stadt und auch darüber hinaus, in Attendorn schützt sie die Schmiede.

Der Unachtsamkeit von Schmieden ist auch einer der schlimmen Brände zu verdanken, die die Stadt erfahren hat, das war 1634, und wenn man sich klar macht, dass die Region auch Eisenland genannt wird, wird einem klar, warum Schmiede hier so wichtig waren. Bränden fiel die Stadt öfter zum Opfer, zuletzt im zweiten Weltkrieg.

 

Wegen Corona verbringe ich meine Zeit zu Hause und damit im Netz, dabei, Informationen über Krankheit und Quarantäne in der Region Südwestfalen zu suchen. Bis auf Läuse habe ich keine eigene Erinnerung an Zeiten, in denen wir jemals zu Hause bleiben mussten. Meine Mutter erzählt mir von Kinderlähmung, Zeitungsberichte erinnern an den Pockenausbruch vor fünfzig Jahre in Meschede, die ein Reisender aus Pakistan mitbrachte. Die Viren gelangten damals durch das Treppenhaus, den Essensaufzug, infizierten Menschen auch ohne direkten Kontakt.

Pandemie ist ein Zustand, der an Mittelalter erinnert, an Pest, an Hilflosigkeit, an katastrophale Zustände. Das ausgebrochene Chaos, bei dem nichts mehr hilft, außer vielleicht noch Beten. Der schwarze Tod hat auch in Südwestfalen gewütet und gegen ihn gab es für die meisten Menschen keine andere Rettung als den Glauben. Gelübde, Beten, Hoffen.

Als Kind konnte ich die Agatha nie in ganzer Person sehen, so hoch steht die Statue auf ihrem Sockel. Aber die vier Tafeln, die ihre Stele umgeben, waren damals genau auf meiner kindlichen Höhe. Und so lief ich wartend von einer Seite zur anderen, sah mir die Bilder an, war schockiert. Das Verlassen der Kirche nach dem Messegang am Sonntag wurde zum kindlichen Horrortrip. Bilder, heute im Internet für sensible Gemüter zensiert, waren meine Wegbegleiter nach dem Gottessegen. Jede Tafel eine menschliche Katastrophe.

Zu Füßen der Agatha sind Feuer, Wasser, Flucht und Hunger zu sehen.

 

Die Hungertafel habe ich nie vergessen. Die leeren Augen und hohlen Münder haben sich in mein Gedächtnis geprägt, leichter abrufbar als Munchs Schrei und immer verbunden mit einer Angst, die mich als Kind befiel, ob wir wohl verschont bleiben würden, wenn das Unglück kam, die potentielle Wirklichkeit von Krise und Konflikt schien  mir als Kind realer, das Ozonloch wuchs, die Bitterkeit des Krieges stand meiner Großmutter noch im Gesicht, die Berliner Mauer war  Zeichen des kalten Krieges und nicht zuletzt mussten wir wegen Tschernobyl auch mal zu Hause bleiben. Aber das alles wuchs sich dann aus, mit der Zeit verschwammen die Ängste zum von der Erwachsenen bewältigten Kindheitstrauma.

Und ohne die aktuelle Schockerfahrung hätte ich mich wohl auch nicht an sie erinnert. Corona hat die profane Sicherheit, in der man sich in in unserer Wohlstandsgesellschaft sonst befindet, plötzlich und ohne Vorwarnung umgestoßen.

Ich habe lange nicht mehr an die heilige Agatha meiner Kindheit in Olpe gedacht, aber wenn ich heute an sie zurückdenke, dann wird mir bewusst, wie weit sie und ich uns doch in meinem Leben nicht nur räumlich, sondern auch im Bewusstsein voneinander entfernt haben.

Gerne würde ich wieder an sie, oder einen anderen Heiligen glauben, ein Gelübde ablegen, an dem ich mich festhalten kann, bis zum Schluss. Ich könnte sie fragen, wie sie das ganze sieht mit Corona. Aber ich weiß, ich würde keine Antwort bekommen, Agatha schweigt und steht, streckt eine Hand schützend über die Gemeinde und umklammert mit der anderen das Kreuz. Das wird sie tun, solange sie auf ihrem Sockel steht.

Wir sind einander fremd geworden, Agatha und ich. Noch vor wenigen Wochen bin ich dort an ihrer ikonischen Figur selbst vorbei gelaufen, als es noch selbstverständlich war, sich draußen frei zu bewegen, unachtsam und unaufmerksam, was wollte ich schon mit Kirchen und Gedenken, das kam mir überflüssig und unmodern vor. Ich suchte nach mehr, was Besonderem, etwas, das richtig überrascht, der Clash, die Einzigartigkeit, aber bitte keine religiöse Ikone. Und die Bilder zur ihren Füßen, die mich früher als Kind in Angst und Schrecken versetzten, haben mich zu dem Zeitpunkt sowas von gar nicht interessiert.

Das überrascht mich jetzt, weil ich mir bewusst mache, wie aktuell sie doch sind, diese Bilder der menschlichen Plagen, heute noch, die Brände in Australien sind kaum gelöscht, die geflohenen Massen verzweifeln vor Europa, nicht nur die Wege am Rhein sind immer wieder überflutet, aus Angst vor dem Hunger reißen wir uns gerade die Nudelpackungen aus den Händen.

Wie kam es, dass Agatha und ich, oder zumindest das, was die Ikone, ihre bildliche Darstellung transportiert, die Sehnsucht nach Schutz vor Katastrophen, soweit voneinander entfernt haben?

„Das Heilige und das Profane“ so schreibt Mircea Eliade, „bilden zwei existentielle Situationen, die der Mensch im Laufe seiner Geschichte ausgebildet hat.“ Und so frage ich mich, ob es sein könnte, dass ich die Seinsweise, des modernen, areligiösen Menschen, so völlig in mich aufgenommen habe, dass ich nichts mehr von dem spüren konnte, was Eliade als heilig beschreibt, die Entwicklung von strukturell religiösen Symbolen, die universell in ganz unterschiedlichen Gesellschaften zu finden sind, so wie die Präsenz einer Schutzpatronin eben.

Noch vor meinem Studium bin ich aus der Kirche ausgetreten. Es kam mir vor wie eine logische Konsequenz, nach den Jahren in Israel und dann doch wieder zurück in Deutschland, stellte mein Austritt aus der Religion eine gewisse persönliche Ordnung her.

Heute kann ich nicht mal vor die Tür treten, draußen lauert das Coronachaos, und mit ihm der Tod, nicht unbedingt für mich, sondern vor allem für die vielen Menschen, an die ich es weiter geben könnte. Und ich verstehe nicht mehr, wie ich das alles so von mir habe fort halten können, und glauben, dass es nicht mehr möglich sei, vor einer solchen Katastrophe zu stehen, dass eine Krankenversicherung, der Gesundheitscheck, die Altersversicherung, das Arbeitslosengeld, die moderne Gesellschaft, einfach der gesunde Menschenverstand schon dafür sorgen würde, dass hier in unserer modernen Zivilisation schon alles so weiter laufen würde.

Was Eliade suchte, war die vergessene Wahrheit, er wollte, „dem entsakralisierten Menschen von heute die Bedeutung und den Inhalt der traditionellen Schöpfungen enthüllen“. Im Sakralen sieht Eliade die Notwendigkeit aus dem von Menschen Erlebten Chaos eine Ordnung wiederherzustellen, dabei helfen eben Gelübde, Gebete und Rituale.

Warum Fetische zerstört werden, überlegt der französische Soziologe Bruno Latour mit seiner Arbeit zu Iconoclash und hinterfragt damit die Praxis des Ikonoklasmus, Bildersturm, oder einfacher, wie können die weiter existieren, die die bildlichen Strukturen dessen zerstörten, was die Welt solange zusammen hielt.

Du sollst dir kein Bildnis machen, das erste göttliche Gebot bezieht sich auf das Unfassbare jeglicher Existenz, oft als das Verbot jeglicher Repräsentation, missverstanden. Denn ein Bild von etwas haben, bedeutet auch, eine feste Vorstellung von etwas zu haben.

Die Vorstellung vielleicht, dass wir als moderne Zivilisation vor Chaos und Katastrophen geschützt sind, abgesichert in unserem Hightech-Raum.

Für Latour ist die Menschheit nie modern gewesen, Viren, Umweltverschmutzung, künstliche Reproduktion, in alledem sieht er den Fehlglauben des Postmodernen sich jenseits traditioneller Grenzen zu bewegen. Wir haben uns von der Welt lediglich ein falsches Bild gemacht.

Und wenn die Bilder fallen, fallen dann auch wir selbst?

Sind wir verrückt geworden“, fragt sich Latour in seinem Text zu der Ausstellung Iconoclash, die 2002 in Karlsruhe zu sehen war. Die Mediatoren des Heiligen, so Latour, sind fragile, sie werden heute angebetet und morgen zerstört.

 

Mich hat die heilige Agatha für immer verloren, ich kann sie nicht anbeten, kein Gelübde ablegen, um den Schrecken heute abzuwehren, denn daran glaube ich nicht. Doch was Agatha und mich heute näher bringt, ist das Wissen, das ihre ausgestreckte Hand transportiert. Und zwar die Erkenntnis, dass wir Menschen immer schon Katastrophen und Chaos ausgesetzt waren und es weiter sind, und dass wir diese, mithilfe unserer uns eigenen Kreativität überwunden haben und werden. Der Mensch trägt das Chaos in sich, und gebärt daraus neue Sterne, wie Nietzsche schreibt. Unsere Kreativität ist das, an dem wir festhalten können, mit der wir Bilder und Beschützer schaffen, nur um sie wieder zu zerstören, Formeln finden, um sie wieder zu verwerfen, nur vergessen sollten wir nicht, dass dieser ewige Kreislauf aus Fort- und Rückschritt, aus Stirb und Werde, niemals zu durchbrechen sein wird, niemals, bis zum Schluss.

 

 

Wasser, Feuer, Flucht

Die Bilder wurden von Magdalena Bechheim zur Verfügung gestellt, Herzlichen Dank!

 

 

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