Nach Hause kommen
Veröffentlicht von am 03.03.2020 13:44 Schreibe einen Kommentar

Zu Hause bin ich hier schon lange nicht mehr.

Ein Fönsturm hat mich vor langer Zeit mit sich fort geweht, als sich Nordwest- und Südostwind mal wieder auf dem Härdler trafen, hat mich eine Sturmböe mitgerissen und so bin ich im Neunziggradwinkel der Luftströmung aufgestiegen und davongeweht.

Die Kleewiesen ließ ich hinter mir, den Hafer, den Hopfen auch, die Wälder aus Rotbuche, Fichte und die vielen Fischteiche und Schafswiesen wurden schnell immer kleiner in meiner Erinnerung, bis ich sie fast ganz vergessen habe.

Aber  vermisst habe ich doch den Löwenzahn. Seine dunklen Blätter, sein bitterer Duft. Ihn habe ich besonders geliebt, wenn ich im Frühjahr, die langen Blätter für unsere Hasen sammeln musste, die dann bei den Nachbarn am Wochenende geschlachtet werden sollten. Der weiße Saft blieb mir oft an den Fingern kleben, wurde schwarz und war auch noch im Sommer da, wenn alle Wiesen gelb  standen, ein Himmel voller goldener Sonnen. Ganz besonders mochte ich meinen Taraxacum im Herbst, wenn die Sonnen verblühten, und ich mit einem Atemzug weiße Wölkchen übers Land pusten konnte. Und er hat alle meine Wünsche mit sich fort getragen.

Lange habe ich mich im Wind treiben lassen, wie der Samen einer Pusteblume und alles was mir blieb, war eine vage Erinnerung an diese Landschaft, ein Gedanke, ein Gefühl, das sich wie ein Keil in mein Herz getrieben hat. Sich kalt anfühlte, wie die Schneefelder, die gerade auf den Wiesen zwischen Lüdenscheid und Herscheid liegen.

Ich habe meine Kindheit verlassen, wie die Erdgeschichte das Holozän verließ und mit ihr bin ich mit den Jahren immer weiter ins Anthropozän gerutscht. Das Zeitalter der Menschheit, wie der Nobelpreisträger Paul Josef Crutzen unser gegenwärtiges Erdzeitalter nennt. Und ich habe nicht einmal gemerkt, wie die Distanz zwischen mir und der Natur meiner Heimat immer größer wurde. Wie es normal geworden ist, überall auf der Welt sehr schnell und für nur sehr wenig Geld hinzukommen, wie ich mich daran gewöhnt habe, aus Plastikflaschen nicht nur zu trinken, sondern sogar Plastik zwischen meinen Zähnen zu kauen, ich habe nicht einmal gemerkt, dass die Welt immer heißer wurde, sondern einfach nur die Sommer genoßen, die sich aneinanderreihten wie Atemzüge, so schnell, dass man gar nicht mehr darüber nachdenkt. Der biologische Lebensraum um mich herum ist immer kleiner geworden, und die Städte immer größer. Weniger Tiere, weniger Fische, weniger Bäume. Weniger Welt.

Lange habe ich geglaubt, dass es nur mir so geht, denn ich bin vom Land in die Stadt gezogen, ich habe mir lange eingeredet, dass es nur mein Lebensraum ist, der asphaltiert wurde, weil ich aufgebrochen bin, alle Natur hinter mir gelassen habe, um den Asphalt der Welt unter den Fußsohlen zu spüren, dass ich Chlorwasser trinke, weil ich in einer dichtbesiedelten Region lebe. Und ich habe nicht glauben wollen, dass es eigentlich überall so ist, hier und dort und vielleicht auch da, wo ich aufgewachsen bin.

Da, wo wir als Kinder Robin Hood gespielt haben, weil das mal die einzige Serie war, die im Nachmittagsprogramm lief und wir die Geschichte toll fanden und weil wir noch viel mehr davon wollten, aber kein Netflix hatten, auf dem uns noch hundert andere tolle Serien rund um die Uhr vorgeschlagen wurden, also sind wir raus in die Natur, Stöcke sammeln und haben nach- und weitergespielt, was wir so ungemein gut fanden. Robin Hood zu sein, war eines der größten Abenteuer meiner Kindheit in Südwestfalen. Wie gerne würde ich das Abenteuer heute meinen Kindern bieten, die nicht mal alleine in die Schule gehen können, weil die Autos so schnell fahren, dass selbst ich als Erwachsene immer wieder um mein Leben fürchten muss, weil es normal geworden ist, dass unser Lebensraum nicht mehr die Natur sondern eine künstliche Welt ist, die wir uns selbst geschaffen haben.

Doch das alles ist Vergangenheit und meine Kinder lachen über mich, wenn ich mal wieder Robin Hood sehen will und dann einigen wir uns darauf, nochmal Harry Potter zu sehen, weil auch das eine tolle Geschichte ist und ich bin immer wahnsinnig froh, wenn ich Zeuge werden darf, wie sich meine Kids gegenseitig Zaubersprüche zuwerfen. Nur ihre Zauberstäbe, die sind gekauft, weil in unserem Wohnviertel nur wenig Bäume auf der Straße stehen und denen sollen sie nicht die wenigen Äste abreißen, die ihnen der Gärtner der Stadt gelassen hat, denn schließlich darf der Baumwuchs nicht den Straßenverkehr stören.

Hier in Südwestfalen ist es anders, hier wird das Holz geschlagen, das anderswo weiter verwertet wird. Und mit dem Wald und den Wiesen kommt auch die Erinnerung zurück.

Immer wenn jemand in meiner Nähe beim Sprechen das R rollte, musste ich an die Heimat denken. Jedes Mal, wenn ich von Menschen hörte, die Schafe hatten, oder Fischteiche, oder Bienen, dann musste ich an meinen Großvater denken, denn der war einer von denen, die, obwohl er einen modernen Beruf gewählt hatte, die Verbindung zur Natur hielt. Der hatte Schafe und Fische und Bienen.

Heute ist das wieder in Mode. Städter, die ihren eigenen Garten direkt an der Autobahnausfahrt haben und sich zu Imkern ausbilden lassen.

Bei meinen Großeltern und ihren Nachbarn, war das Teil ihrer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und an sie erinnere ich mich. Egal, wo. Auf der ganzen Welt oder einfach auch nur in einem Traum. Wenn sich ein R über die Zunge rollt, als wäre es ein Kind, dass auf einer Wiese einen Purzelbaum schlägt, träume ich. In einem wachsenden Traum aus Löwenzahn und summenden Bienen, die in meine Erinnerung langsam vertrocknen, und  wie Blätter im Herbst auf meine Gedanken legen, Blätter, die bei Frost und Eis unter meinen Tritten laut knacken, um warme Wellen ins Herz zu schlagen.

Und dann wache ich auf, und fragte mich, was Heimat ist und was das mit mir zu tun hat, und ob es nicht einfach der Ort ist, an den ich mich so gerne erinnere und mit ihm, alle anderen Orte, an denen ich bin.

Ja, genau hier, wo ich schon so lange zu Hause bin.

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