Understatement
Veröffentlicht von am 05.05.2020 20:04 Schreibe einen Kommentar

„…wie sehr es mich immer gefreut, einen gewissermassen Geistesverwandten, engeren Landsmann zu haben- denn bis jetzt ist es sehr selten, dass unter Eisen u. Kohlen unserer Vaterstadt künstlerische Elemente sich entwickelt haben.“

Ida Gerhardi an Karl Ernst Osthaus

 

Halbzeit, und damit der Moment gekommen, Bilanz zu ziehen und darüber zu schreiben, warum Südwestfalen der beste Ort der Kultur-Förderung sein kann.

Wenn ich meinen Eindruck über die Region mit einem einzigen Wort zusammenfassen sollte, dann wäre es dieses: UNDERSTATEMENT.

Südwestfalen ist mit Sicherheit eine Region, die im Außen- und Eigenbild völlig unterschätzt wird.

Südwestfalen, das ist auf den ersten Blick eine Industrieregion mit viel Wald. Die viele und üppige Präsenz der Natur, lässt einen leicht an Landwirtschaft denken. Man stellt sich dann Bauern vor, die Kühe hüten, Frauen mit Kopftüchern, die mit Eimern in den Händen zum Melken ausziehen. Man meint, es wäre eine Gegend, in der die Menschen von ihren Händen leben, indem sie das Feld bestellen, man glaubt, sie seien abhängig vom Wetter, würden gelernt haben, sich dessen Willen beugen, wie der eines alles beherrschenden Gottes. Aber das stimmt nur zu Hälfte. Von der Landwirtschaft allein haben die Menschen in Südwestfalen nie leben können.

Viele Vorurteile existieren bezüglich dieser Gegend, die kulturell gesehen, nicht viel von sich reden macht. Die zahlreichen Schützenvereine lassen an die Vorliebe für Tradition und Folklore denken. Heimat ist ein wichtiges Wort. Und das alles erinnert schmerzhaft doch auch an eine andere Zeit in Deutschland, die wir gerne vergessen wollen. So wurde ich zu Beginn des Stipendiums auch oft gefragt, was ich denn in Südwestfalen erforschen wolle, vielleicht Nazis? Rechtsradikale? AFD-Mitglieder? Den Rechtsdruck gibt es leider aktuell in sehr vielen Regionen Deutschlands und meines Wissens nach nicht herausragend mehr in Südwestfalen als in anderen Gegenden.

Religion ist ein anderes Stichwort, das immer wieder fiel. Dies oft im selben Atemzug mit Max Weber genannt, der ausführlich über den Geist des Kapitalismus im Zusammenhang mit religiöser Tradition geschrieben hat. Es wird nicht selten vermutet, der Reichtum der Region läge an einer gewissen pietistischen Lebensweise. Selbstverständlich hängt religiöse Praxis und Akkumulation von Reichtum zusammen. Dies nicht nur auf Seiten des Protestantismus.

Der Reichtum der Region kommt aber nicht vom Beten, sondern ursprünglich aus den Bergen. Er war lange versteckt in dem unterirdischen Labyrinth, einer Welt, die der des Minotaurus gleicht.

Es gibt überhaupt sehr viele versteckte Schätze in der Region. Vielleicht liegt dieser Zustand an der Gegenwertigkeit der Bergwerke, sie sind zwar stillgelegt, aber immer noch da, wenigstens im kulturellen Gedächtnis der Region. Bergwerke haben es so an sich, das man tief graben muss, um, was Leuchtet ans Licht zu bringen. Vielleicht haben sich die Menschen in Südwestfalen deswegen angewöhnt, ihr Licht unter den Scheffel zu stellen, sich genügsam zu geben, nicht auffällig jedenfalls, denn sie kennen sich aus mit vergrabenen Werten.

Während im Rheinland Kohle abgebaut wurde, waren es in Südwestfalen Erz, Kupfer und Silber. Hier wurde Eisen und Stahl produziert. Altena gilt als die Wiege der Drahtproduktion.

Die Historiker Peregrine Horden und Nicholas Purcell haben in ihrem Werk „The Corrupting Sea“ die Beziehung zwischen Menschen und ihrer Umwelt im Mittelmeer über gut dreitausend Jahre hinweg analysiert und sind zu dem Schluss gekommen, dass es eine lokale Form der „langen Dauer“ gibt. Traditionen, die sich mit der Zeit zwar verändern, aber auch eine lokale Hartnäckigkeit aufweisen. Der Begriff der „langen Dauer“, longue durée ist von Ferdnand Braudel geprägt worden, einem Historiker der Annalen Schule.

Für Braudel verläuft die menschliche Geschichte nicht gradlinig, sondern auf verschiedenen Ebenen, wobei die Ereignisse, die für uns meist zu den wichtigsten historischen Zeitmessern werden, wie der 11. September oder die aktuelle Coronakrise, eben nur Wellen auf der Oberfläche des langen Stroms der Geschichte sind, und der viel tiefere Grund darunter meist verborgen liegt.

Wenn ich nun diese von Braudel geprägte, und von Horden und Purcell weiter entwickelte Theorie auf Südwestfalen anwende, so erklärt sich das lokale verankerte „Understatement“ als ein zeitloses Phänomen, als ein historischer Tatbestand, der in den lokalen geographischen Besonderheiten und im kulturellen Gedächtnis seiner Bewohner verankert ist. Bereits die Kelten sollen dort den Wald gerodet und das Erz aus den Bergen geholt haben. Lange muss man nicht überlegen, um sich vorzustellen, wie diese Art der lokalen Produktion die Menschen formt. Die Schätze der Region befinden sich in der Tiefe ihres Seins.

Die nachhaltige Tradition der Waldrodung (Hauberge) ist eine der vielen Schätze der Region, von denen kaum jemand über die Grenzen hinaus Notiz nimmt. Südwestfalen ist still und unauffällig, mit nicht wenigen Global Players im Unternehmensbereich, ist es auch eine reiche Region. Reich und verschwiegen, wie Heinrich Vormweg in seinem Film „Siegen, Notizen einer Stadt“, erzählte. Der Film entstand 1966 und wurde nur einmal im Fernsehen gezeigt, er ist unerkannt geblieben, wie die Region, über die er berichtet.

Industrie bedeutet Kreativität und Produktivität, doch was ist mit der anderen Produktion, die eigentlich auch systemrelevant ist, die der Kunst? Auch darüber wurde bereits im Film von Vormweg reflektiert, dort ist von Verachtung gegenüber jener Produktivität die Rede, die nichts Verwertbares hervorbringt, also Kunst.

Dabei kann Südwestfalen auf eine eigene glorreiche Epoche in der Kunstgeschichte zurück schauen, der sogenannte „Hagener Impuls“, der hauptsächlich von Karl Ernst Osthaus (1874-1921) beeinflusst wurde. Zu dieser Epoche gehört auch Ida Gerhardi (1862-1921), die in Hagen geborene Künstlerin wurde von mir bereits in einer Youtube-Lesung vorgestellt. Sie ist, genauso wie Karl Ernst Osthaus, das weibliche Beispiel für die Modernität und Aufgeschlossenheit der Region. Ohne Ida Gerhardi hätte Karl Ernst Osthaus zu deutlich weniger französischen Künstlern Kontakt gehabt.

Osthaus-Museum-Hagen, Bild von Simone Scharbert

Von den ambitionierten künstlerischen Projekten des Karl Ernst Osthaus in Südwestfalen sind die architektonisch herausragenden Gebäude geblieben, wie das Hohenhof, das von Henry Van de Velde geplante Wohnhaus der Familie.

Der „Hagener Impuls“ ist kaum über den ihm eigenen Begriff des Antriebs hinausgegangen. Es ist bei einem Anstoß geblieben, das weltweit bekannte Folkwang-Museum steht heute im Ruhrgebiet, das aus diesem Impuls entstandene Bauhaus glänzt heute nicht in Südwestfalen. Dabei hatte Karl Ernst Osthaus angeregt, das soziale Leben durch Kunst zu gestalten. Er wollte die Versöhnung schaffen von Kunst und Sozialem. Eine Künstlerkolonie, Werkstätten und ein Lehrinstitut sollte gegründet werden, sie alle sind nur noch Teile eines Museums. Aber auch davon ist nichts geblieben, als die Gebäude, leere Räume, die heute dort ausgestellt sind wie Sammelstücke, schön anzusehen, beeindruckend sogar, aber leblos. Eine heute tote Utopie.

Osthaus schreibt, dass im Westfalen des 19. Jahrhunderts die künstlerische Tradition nicht wirklich veranker ist: „Kleine Malertalente, die hie und da auftauchten, verließen den Boden der Heimat und suchten in Düsseldorf oder Italien ein Milieu, das ihnen Anregung und Förderung gab.“

Doch ist die künstlerische Produktivität Südwestfalens nicht nur Vergangenheit. Auch heute noch gibt es in der Region viele Perlen künstlerischer Produktion, die still und leise vor sich hin glitzern.

Unter Eisen entwickeln sich auch künstlerische Elemente, wie Ida Gerhardi an Karl Ernst Osthaus schreibt.

Ein Künstler, der Eisen zu seinem künstlerischen Element gemacht hat, ist Eberhard Stroot. Der ehemalige Olympiasportler lebt schon lange in Kreuztal. Viele seine Kunstwerke sind aus Stahl. Das Grundmetall für Stahl ist Eisen.

Kunstwerke von Eberhard Stroot, mit freundlicher Genehmigung vom Künstler

Zu Eberhard Stroot gehört seine Frau, Karin Stroot. Die ist Tänzerin und ist im Siegerland mit ihrem Tanztheater bekannt geworden.

Tanztheater Karin Stroot, mit freundlicher Genehmigung von der Künstlerin

Das Besondere am Künstlerpaar Stroot ist auch, dass sie als Künstlerpaar vier Kinder haben. Ich erinnere mich noch genau, wie ich, schwanger mit meinem ersten Kind, bei Karin Stroot in der Küche saß, und mir von ihr erzählen ließ, wie das so geht, Künstlersein und Kinderhaben. Es ist nicht leicht. Die Stroots sind als kinderreiche Künstlerfamilie eine Ausnahme.

Die Performance-Künstlerin Marina Abromavic beispielsweise wurde schwer angegriffen, als sie in ihrer Biographie schrieb, sie habe in ihrem Leben drei Abtreibungen gehabt. Abromavic hat nicht Unrecht, wenn sie behauptet, eine Karriere in der Kunst und Kinder seien nicht vereinbar. Ihre Aktion „The Artist is Present“ stand für meine Aktion „The Reader is Present“ in diesem Blog Pate.

Das Künstlerpaar Stroot hat nicht nur vier Kinder, sondern sich nie gescheut, damit auch offen in der Kunstwelt hervorzutreten. Als das Paar gemeinsam 1981 im Sportstudio auftrat, war ihr erstes Kind dabei und wurde von Bern Heller auf den Arm genommen.

Vierzig Jahre später sind Kunst und Kinder immer noch nicht besonders gut miteinander vereinbar. Frauen sind in der Kunst  weiterhin unterrepräsentiert. Stipendien, die Künstler mit Kindern fördern sind eher die Ausnahme. Es lässt sich nicht von einer familienfreundlichen Nachwuchsförderung sprechen, denn in der Landschaft der Preise, Förderungen und Stipendien wird oft 35 als Altersgrenze angesetzt. Erziehungszeiten werden nirgendwo angerechnet. 2014 hat Julia Franck darauf hingewiesen, dass es in Deutschland eigentlich keine Vereinbarkeit für Kinder und Kunst gibt.

Dies heißt, das Künstler, die sich eine Familie wünschen, sehr gut ihr Leben im Voraus planen müssen, was eigentlich unmöglich, und damit kontraproduktiv ist, denn weder Kinderkriegen noch Familienglück oder das Leben überhaupt sind wirklich planbar. KünstlerInnen zahlen oft einen hohen Preis für dieses familienfeindliche System der Kunstförderung.

In ihrem Roman schildert Isabelle Lehn berührend den Zustand der Zerrissenheit zwischen biologischer Reproduktion und künstlerischer Karriere einer Autorin.

Heute würde eine Kusntperformance mit Kind wie die der Stroots im Sportstudio damals, als Beispiel der Vereinbarkeit gefeiert. Damals gehörte der Auftritt lediglich zum diskreten Charme der Stroots aus Südwestfalen.

Es ist also durchaus eine fortschrittliche Region, die sich wohl selbst unterschätzt und auch von außen unterschätzt wird. Dabei steht sie den urbanen Zentren mit wenig nach, wie religiöses Miteinander, Industrie, Kunst und Kultur zeigen. Aber doch hält sich die Region selbst hinterm Berg und dies hat sicher mit dem zu tun, was der Historiker Fernand Braudel „lange Dauer“ nannte.

Möglichkeit einer Region, so habe ich mein Projekt genannt und eine Möglichkeit ist für mich die Kunst- und Kulturförderung. Eine Option ist an die Ideen von Karl Ernst Osthaus anzuknüpfen. „Folkwang“ kommt aus dem nordischen und bedeutet so viel wie „Halle des Volkes“. Osthaus wollte Kunst allen zugänglich machen und auch Künstlerresidenzen schaffen.

Eine Möglichkeit wäre eine Künstlerkolonie zu gründen, eine, die explizit KünstlerInnen aller Sparten mit Kindern fördert und damit eines der ersten nicht nur in Deutschland, sondern auch Weltweit wäre. Dafür wäre die Region nicht mal auf den Staat angewiesen, eine von UnternehmerInnen gegründete Stiftung könnte dazu eine Alternative bieten. Ein Ort der sich dafür anbieten würde, wäre beispielsweise Altena, eine Stadt mit großer Abwanderung in der Region, aber auch eine Stadt mit einem bedeutenden künstlerischen Erbe, wie das Apollo-Kino.

Südwestfalen könnte Vorbild  und Vorreiter in Deutschland für eine familienfreundliche Kulturförderung sein. KünstlerInnen würden nicht nur eine Unterkunft und Förderung, sondern auch Kinderbetreuung geboten, indem die Kinder für die Zeit des Aufenthaltes in die lokalen Schul- und Betreuungseinrichtungen integriert werden. Daraus könnte eine Win-Win-Situation entstehen, denn indem die Kinder betreut werden, können sich Künstler selbstverständlich auch in das lokale Geschehen miteinbringen.

Ein ambitioniertes Projekt mit dem ich, mit einem großen Bogen zwar, an die Ideen von Karl Ernst Osthaus anknüpfe. Ein Projekt, das einer Region würdig ist, die viel leistet, sich aber selbst gerne unter den Scheffel stellt. Ein Projekt, mit dem aus einem Understatement, ein Statement werden könnte, auf das die deutsche Kulturlandschaft wartet.

Osthaus, Hagen, Bilder von Simone Scharbert, ganz HERZLICHEN DANK dafür!

 

Tanztheater Karin Stroot, Bilder von Karin Strooh, Herzlichen Dank dafür!

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.