fkk saunaclub venus

um den unterschied zwischen stadt und land während einer pandemie festzustellen, braucht es auch die erfahrung aus der großstadt. deswegen entschließe ich mich dazu, ein paar tage nach köln zu fahren. auch nach zweieinhalb monaten zieht mich mit ausnahme der leute, meiner leute, die in ihr wohnen, insgesamt wenig dort hin.

am bahnhof meiner temporären land-idylle, der seiner beschreibung nicht ganz gerecht wird (er besteht aus einem einzelnen gleis, dessen konturen sich im hochgewachsenen gras verlieren) warte ich auf den zug und stoße auf der suche nach einem hotspot auf das offene W-LAN des benachbarten bordells: „FKK Saunaclub VENUS“. die verbindung ist sehr gut, es ist die beste internetverbindung, die ich bislang auf dem dorf hatte. der umstand stimmt mich auf unbestimmte weise froh. in der nachbarschaft des saunaclubs findet sich an einem gebäude in grauer holzverkleidung außerdem die werbung einer christlichen missionsgesellschaft. vielleicht ist es auch ihr sitz, das lässt sich schwer ausmachen. auf jesusfinden.de jedenfalls (die seite baut sich über das puff W-LAN sehr schnell auf) steht, dass jesus sich finden lässt, weil jesus keine idee, sondern eine reale person ist.

meine freude über den messianischen input während der wartezeit ist temporär, weil ich ein paar minuten später feststellen muss, dass der zug ausfällt. eine erklärung fehlt genauso wie eine durchsage oder andere menschen am gleis, mit denen man sich über die lage austauschen könnte. der nächste ABR kommt in einer stunde. ich (jetzt noch dankbarer über das puff W-LAN als sowieso schon), entschließe mich, der anbindung noch eine chance zu geben und die stunde zu warten. als ich am nächsten tag endlich im zug sitze, habe ich den ärger über den zweiten zug-ausfall längst vergessen. auch die tatsache, dass gestern überhaupt keine züge mehr fuhren, kommt mir weit weg vor. generell denke ich während der ca. anderthalb-stündigen fahrt, es wird mir ein bisschen schwummerig im heißen atem unter der baumwollmaske, dass ich trotz allem vermutlich weniger gestresst bin. früher hätte mir so ein zeitverlust, so ein einschnitt in meine pläne, mehr ausgemacht.

als sich der RE den ballungsräumen nrws nähert, erhöht sich mein stresslevel wieder leicht. mehr menschen mit mimikleeren, da maskenverdeckten gesichtern steigen zu, der abstand verringert sich. zugfahren, sowieso ein anonymer vorgang, ist jetzt noch distanzierter, noch mehr zusammen allein; es ist still im abteil, die atmosphäre beklemmend. als ich einen tag später als geplant köln erreiche, bin ich zunächst überrascht und ein bisschen entzückt von der hässlichkeit der stadt, die sich mir bei der einfahrt über mühlheim und hansaring vermittelt. ich hatte länger nicht an grauen, eckigen beton, an verbaute sicht gedacht.

was dann passiert überrascht mich noch mehr: obwohl es unangenehm klischeehaft klingt, muss ich mich nach zehn wochen außerhalb großstädtischer zusammenhänge tatsächlich eingewöhnen. zustände, die mir sonst gar nicht mehr auffielen, zeichnen sich im kontrast zur landruhe aggressiv in meine heruntergefahrene wahrnehmung: es sind mehr reize, die verarbeitet werden wollen, autos, radfahrer und menschen verhalten sich zur infrastruktur, alles scheint in doppelter geschwindigkeit zu passieren. außerdem ist es voll. die spielplätze, cafés, kneipen und restaurants haben seit montag wieder teilweise geöffnet. zwischendurch wirkt es so, als hätte ich den lockdown in der abstinenz des landlebens nur geträumt.

als ich nach vier tagen im zug zurück sitze, bin ich fast ein bisschen froh. wenn in der stadt etwas passiert, sie räume für austausch, diversität, frisch gezapftes bier und musik schafft, dann hat sie ihre berechtigung. und immer, auch jetzt, ist es schön, seine leute um sich zu wissen. gerade allerdings, in der gesteigerten anonymität, der „neuen normalität“, ist die großstadt noch anstrengender als sowieso schon. selbst das spazieren, das ziellose umherstreifen und beobachten als wahrscheinlich schönste beschäftigung der stadt, die sie dem land voraus hat, gleicht gerade einem mühseligen slalom aus steifen, alarmierten bewegungen.

ein mittelalter mann mir schräg gegenüber niest laut in seine armbeuge, ich rücke einen platz weiter von ihm und seinen aerosolen weg, will „gesundheit“ sagen, um nicht zu abweisend zu wirken. ich sage nichts.

Mehr von Carla Kaspari