Krefeld (DE)

Ich habe mir das Paradies immer als eine Art Bibliothek vorgestellt.“

Jorge Luis Borges, „Blindheit“ in Die letzte Reise des Odysseus, Übersetzung: Gisbert Haefs

Es kann doch nicht so schwer sein, ein Buch in einer Bibliothek zu finden, man muss nur Geduld haben und ein scharfes Auge. Es wäre so schön, das Buch zu finden! Und wenn Manuel nicht der Autor ist? Dann wäre es verschwendete Zeit, aber zumindest hätte ich mal Krefeld gesehen, nur, wo liegt Krefeld überhaupt? Die Gedanken überschlagen sich in meinem Kopf auf der Zugfahrt von Hamminkeln nach Düsseldorf, wo ich Maike treffen werde, um den letzten Abschnitt der Reise gemeinsam anzutreten.

Kaum in Düsseldorf angekommen antwortet Maike auf meine Frage, wie weit es noch sei, dass wir noch etwa dreißig Minuten mit dem Auto brauchen würden. Sie arbeitet für den Kulturraum Niederrhein e.V. und ist mir seit Beginn der Residenz eine große Hilfe. Als ich ihr von meinem geplanten Ausflug nach Krefeld erzählte, bot sie sofort ihre Hilfe bei der Suche an. Perfekt, ein weiteres Paar Hände und Augen, um die Niederrhein-Anthologie von 1985 zu finden.

Es mag eine Untugend sein oder vielleicht auch einfach Unwissenheit, aber ich gehe immer davon aus, dass eine Stadt so groß ist wie ihr Fußballverein, deshalb dachte ich, Mönchengladbach wäre die wichtigste Stadt am Niederrhein und nicht Krefeld, aber zu meiner Überraschung sind Einwohnerzahlen und Geschichte der beiden Städte ziemlich ähnlich. Ich könnte jetzt historische Fakten über Krefeld aufzählen, die ich bei Wikipedia gefunden habe, aber das erspare ich euch besser. Es reicht, wenn ihr wisst, dass es sich um eine Stadt mit beinahe 250.000 Einwohnern handelt, mit großen Alleen, mehreren Museen, Bauhaus-Architektur und einer wachsenden Kulturszene.

Krefeld

Im Literaturhaus Krefeld werden wir freundlich empfangen: Der Leiter Thomas trägt einen Anzug, er ist einundfünfzig Jahre alt und ein bekannter Krimiautor, seine Assistentin Marlene ist Literaturwissenschaftlerin und für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Nach der Begrüßung und einer Vorstellungsrunde machen wir einen kurzen Rundgang durch das Haus. Architektur und Einrichtung erinnern an die Sechzigerjahre und vermitteln das Gefühl von stillstehender Zeit. Im Erdgeschoss befindet sich ein kleiner Raum für Präsentationen und im ersten Stock liegen die Bibliothek und das Büro von Thomas. Die Büchersammlung platzt aus allen Nähten und auch die Küche und das Bad fallen mir auf, vor allem die bunten, verschnörkelten Fliesen, die aus einem Almodóvar-Film stammen könnten.

Küche und Bad

Nachdem wir das Haus besichtigt und ein wenig über seine Geschichte und die früheren Bewohner erfahren haben, entschuldigt sich Thomas, der noch andere Verpflichtungen hat, und wir bleiben bei Marlene. „Ich habe gestern ein paar Stunden lang in der Bibliothek gesucht, konnte aber nichts finden“, sagt sie direkt. Nicht gerade ein ermutigender Anfang. Doch je mehr Augen suchen, desto höher die Chance, das fehlende Buch zu finden, also gehen wir wieder nach oben in die riesige Bibliothek und machen uns ans Werk.

Da wir zu dritt sind, unterteilen wir die Bibliothek in unterschiedliche Zonen. Ich sehe mich um und gehe von ein paar Stunden Arbeitszeit aus. Doch als mir klar wird, dass auf jedem Regalboden zwei Reihen von Büchern stehen und man die äußere Reihe fast immer aus dem Weg räumen muss, um die Titel der inneren Reihe zu sehen, korrigiere ich meine Einschätzung nach oben. Doppelte Arbeit, doppelte Zeit. Aber egal, ich hatte nie erwartet, dass es einfach sein würde.

Sich in der Bibliothek oder der CD-Sammlung einer fremden Person umzusehen ist etwas ganz Intimes, fast wie das Tagebuch zu lesen. In den Regalen sind ihre Vorlieben, Interessen, Neigungen und auch Abneigungen zur Schau gestellt. Ich habe Leute schon oft falsch eingeschätzt und es kommt immer noch vor, dass ich beim Blick auf Bücher oder CDs meiner Freunde oder Bekannten falsche Schlüsse über sie ziehe. Ich bin Anhänger einer Theorie von Pierre Bourdieu, wonach das, was wir als Geschmack bezeichnen, eine Reihe symbolischer Assoziationen ist, durch die wir uns von Menschen mit niedrigerem sozialen Status distanzieren wollen und zugleich den Status anstreben, den wir glauben zu verdienen. Der französische Philosoph sieht Geschmack als ein Mittel, um sich von anderen abzugrenzen, im Prinzip ein weiterer Klassenkomplex. Wenn ich aber wo auf Besuch bin und erstmal weit und breit kein Buch sehe, muss ich an den Rat des Filmregisseurs John Waters denken: „Wenn die Person, mit der du nach Hause gegangen bist, keine Bücher hat, dann fick sie nicht.“ Der Grundgedanke lässt sich auf jede neue Freundschaft, Liebesbeziehung oder sonstige Interaktion zwischen Menschen übertragen, bei der ein gewisses Feingefühl gefragt ist.

Bibliothek gegen das Licht

Zu Beginn der Suche habe ich bei jedem Exemplar innegehalten, neugierig geprüft, ob Autor, Titel oder Verlag mir bekannt vorkommen, aber nach den ersten paar Regalen wurde ich zu einer Maschine, einem menschlichen Scanner mit nur einem Ziel: die Anthologie des Niederrheins. Wenn ich diese Wörter nicht auf den ersten Blick sehe, bin ich innerhalb einer Sekunde schon beim nächsten Buch.

Ich sehe mir die äußere Reihe an: eins, zwei, drei, vier … bis sechsundzwanzig. Dann schiebe ich die sechsundzwanzig Bücher vorsichtig zur Seite und sehe mir die innere Reihe an: eins, zwei, drei, vier … bis dreiundzwanzig. Und bei jedem Regalbrett geht es von vorne los, eins, zwei, drei vier … , bis zu sieben Mal pro Regal. Eins, zwei, drei, vier … Ich weiß schon gar nicht mehr, wie viele ich schon durchgesehen habe und wie viele noch fehlen. Aber ich konzentriere mich, weil ich weiß, dass das Gehirn evolutionär bedingt in solchen Fällen die Funktion runterfährt, und auf Sparmodus schaltet, beim vertikalen Lesen passiert das irgendwann automatisch. Da muss ich an Woody Allen denken, der einmal im Scherz gesagt hat: „Ich habe einen Schnelllesekurs belegt und Krieg und Frieden in zwanzig Minuten gelesen. Es geht um Russland.“

Ich mochte schon immer die Art von Aufgaben, bei denen eine Handlung mechanisch wiederholt wird und immer zu demselben Ergebnis führt. Für Fehler scheint es keinen Platz zu geben und diese Gewissheit finde ich tröstlich. Im 19. Jahrhundert wäre ich der Messi der Fließbänder gewesen, ein Ausnahmetalent in der Produktionskette einer beliebigen Fabrik, von jedem ungelernten Arbeiter beneidet. Außerdem hat diese repetitive Arbeit, sobald sie verinnerlicht ist, etwas Entspannendes und fördert die Kreativität. Bei der Schauspielerei ist das genauso, es gibt in der Regie eine einfache Übung, bei der man den Schauspielern während einer Szene Handarbeit gibt. Dann konzentrieren sie sich auf die Aufgabe und vergessen, dass sie schauspielern, was sie natürlicher wirken lässt. Aber braucht es diese Natürlichkeit? Oder wäre es besser, wenn wir wüssten, dass es eine Repräsentatio… Halt. Ich schweife ab. MIST. Jetzt bin ich raus. Ich gehe zurück und überprüfe die Reihe nochmal. Ich muss mich konzentrieren, sonst werden wir nie fertig und ich verwandle mich in einen bücherschleppenden Sisyphos, der nie den Gipfel erreicht.

Bücher

Maike und Marlene erzähle ich lieber nicht von meiner Freude an der mechanischen Arbeit und wie gut ich darin bin. Ihnen scheint es nicht so viel Spaß zu machen und ich weiß nicht, ob ich mich überzeugend erklären kann. Nach ein paar Stunden erfolgloser Suche machen wir eine Pause. Wir gehen in den Garten und setzen uns in den Schatten eines riesigen Wasserturms, der neben unserem Gebäude steht. Thomas gesellt sich auch zu uns, er interessiert sich für die Geschichte meines Großonkels. Schon bei den ersten Sätzen sehe ich, wie sein Krimiautorengehirn auf Hochtouren arbeitet und mögliche Handlungsstränge für Manuels Geschichte erarbeitet. Etwas überwältigt davon, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, wechsle ich das Thema und frage nach Otis Bruns, dem früheren Besitzer des Großteils der Bücher im Haus. Sofort merke ich, dass ich ein heikles Thema angesprochen habe. Herr Bruns hat aktiv mit den Nazis zusammengearbeitet, sodass das Literaturhaus die schwere Entscheidung treffen musste, ob man das Erbe annehmen würde oder nicht. Aber es sind Bücher, darunter einige Unikate, Inkunabeln und vergriffene Werke. Und was wäre ein Literaturhaus ohne Bücher? Trotzdem versuchen sie seit Jahren, den Namen Otis Bruns nicht mit ihrer Kultur- und Literaturfördertätigkeit in Krefeld in Verbindung zu bringen. Ich finde es interessant, dass wir uns in gegensätzlichen Prozessen befinden, ich auf der Suche nach Erinnerungen, grabe in der Familiengeschichte, um die Figur meines Großonkels Manuel zu rekonstruieren, während sie den Weg des Vergessens einschlagen, um die Überreste der Vergangenheit auszulöschen, die sich nach all den Jahren immer noch wie eine schwere Last anfühlen.

Wir gehen zurück in die Bibliothek und ein Schauer läuft mir über den Rücken, als hätte ich einen Elektroschock bekommen. Was, wenn der Einband des Buches geändert wurde? Oder ich es übersehen habe? Oder es einfach nicht da ist? Es sind nicht mehr viele Regale übrig, also können wir genauso gut alle durchsehen, auch wenn ich mittlerweile meine Zweifel habe. Beim letzten Regal treffen wir uns, ich prüfe unten, Marlene in der Mitte und Maike die obersten Reihen. Es wäre schon ein sehr großer Zufall, wenn das Buch in diesem allerletzten Regal stünde, denke ich. Aber es passiert, was passieren muss. Wir finden nichts. So ist es nun mal.

Wir haben eine ganze Bibliothek durchforstet, und unser einziger Anhaltspunkt waren Initialen (M. C. Bautista), die eventuell für meinen Großonkel stehen könnten. Was hatte ich erwartet? Ich zeige meine Enttäuschung, aber Marlene fordert uns mit einer müden und resignierten Geste auf, ihr zu folgen.

Bibliothek

In einer Ecke des Gartens steigen wir ein paar Stufen hinunter und gelangen zu einer halb zugewachsenen Tür. Das metallische Knarren ist ein erstes Anzeichen dafür, dass wir unbekanntes Terrain betreten. Wir befinden uns in einem großen Raum mit einiges Säulen, der wie die oberen Etagen des Hauses aussieht, nur ohne Wände. Darin stehen Möbel, ein paar alte Rasenmäher und Bücher, viele Bücher. Die niedrige Decke und wenige Licht, das durch ein paar schmale Fenster fällt, machen den Raum nicht gerade einladender. Die Bücher befinden sich in Pappkartons (in Bananenschachteln, um genau zu sein, so wie man sie von jedem Bücherflohmarkt und Antiquariat kennt. Warum ausgerechnet Bananen und kein anderes Obst? Warum bewahren Freunde von Büchern diese ausgerechnet in Bananenschachteln auf? Welche Verbindung gibt es zwischen den Händlern von Büchern und Bananen? Was verheimlichen sie uns? Was haben eine Banane und ein Buch gemeinsam? Zur Zeit weiß ich keine Antwort auf all die ungelösten Fragen der Menschheit, wie das Ungeheuer von Loch Ness oder der Wert von Kryptowährungen, aber ich bin sicher, es gibt für all diese Dinge eine Erklärung.)

Im Keller werden die Bücher aufbewahrt, die schlecht erhalten oder beschädigt sind, oder es handelt sich um schlechte Ausgaben, die es nicht wert sind, in der Bibliothek aufgestellt zu werden. Ich frage mich, warum wir nicht von Anfang an hier gesucht haben. Unter diesen neuen Umständen ist es vor allem der angesammelte Staub, der mir die Suche erschwert, denn ich muss ständig niesen und meine Augen sind gereizt und tränen. Ich fühle mich wie in einem Disneyland der Hausstaubmilben.

Alte Bücher

In Der Club Dumas von Perez Reverte muss die Hauptfigur, Lucas Corso, eine Art Indiana Jones der Bibliotheken, nach einem Buch suchen, um einen Mord aufzuklären. Ähnlich wie Guillermo de Baskerville, ein mittelalterlicher Sherlock Holmes, in Umberto Ecos Der Name der Rose. In beiden Fällen steht ein Buch im Mittelpunkt eines Mordkomplotts. Hat mein Buch auch mit einem ungeklärten Kriminalfall zu tun? Ist das der Beginn eines Mysteriums, das über meinen Großonkel hinausgeht? Was, wenn alles bisher nur ein MacGuffin war und die wahre Geschichte erst hier beginnt? Wir werden es nie erfahren, wenn ich diese verdammte Anthologie nicht finde.

Gartenhandbücher, Selbsthilfebücher, Computerhandbücher, Krimis, als Gartenhandbücher getarnte Selbsthilfebücher … Was zum Henker mache ich eigentlich in diesem staubigen Keller? Niesanfälle und eine laufende Nase erschweren die Suche, aber ich bin schon zu weit gekommen, um jetzt aufzugeben. Ich setze meine Maske auf. Wenn sie vor Corona schützt, hilft sie vielleicht auch jetzt. Es geht tatsächlich ein wenig besser, aber ich habe trotzdem das Gefühl, dass sich der Staub sich schon längst in meinem ganzen Körper ausgebreitet hat. Ich bin wie ein Alkoholiker, der bei dem kleinsten Tropfen einen Rückfall bekommt. Ständig muss ich weiter niesen.

Mehr alte Bücher

Im Laufe der Geschichte sind mehr Bücher verloren gegangen als erhalten geblieben sind und trotzdem gibt es noch so viele zu lesen … Ob durch Unfälle, Bibliotheksbrände, von Alexandria bis Sarajewo oder Irak, Zensur oder einfach Vergessenheit, ein großer Teil der Schriftwerke unserer Menschheit ist verschwunden. Vor mir, zwischen all diesen Büchern, verstecken sich die besten oder zumindest die herausragendsten Gedanken, Überlegungen und Erlebnisse all dieser vergessenen Autorinnen und Autoren, begraben unter weiteren Büchern und ohne Hoffnung, jemals wieder gelesen zu werden. Das bestätigt mich in meiner Überzeugung, dass Lesen ein natürlicher Vorgang ist, Schreiben aber eine Art selbstauferlegte Folter, die wir trotz allem weiter ausüben. Woody Allen hat das Paradox im Stadtneurotiker besser beschrieben, als ich es je könnte: „Zwei ältere Damen sitzen in einem Berghotel. Sagt die eine: ,Gott, das Essen hier ist wirklich schrecklich!‘ Sagt die andere: ,Stimmt, und diese kleinen Portionen.‘“

„Hier! Ich hab’s“

Ich brauche ein paar Sekunden, bevor ich auf Maikes Aufschrei reagiere, so vertieft bin ich in meine Gedanken. Ich bin wie ein zum Tode Verurteilter, der bereits mit der Schlinge um den Hals auf dem Schafott steht und dann aber in letzter Sekunde begnadigt wird. Im ersten Moment freut er sich gar nicht über die Möglichkeit weiterzuleben, sondern ärgert sich, dass der Prozess der Exekution so plötzlich unterbrochen wurde.

Das Buch ist in einem guten Zustand: Der Rücken ist etwas vergilbt, als hätte es in einem Raucherhaushalt gestanden und die linke obere Ecke ist etwas eingedrückt, wie durch einen Stoß. Wir schlagen das Inhaltsverzeichnis auf: Leonhard Junghans, Brunhilde Elbin, Martin Heinrichs, M. C. Bautista … Seite 85. Ich bin ungeduldig, will unbedingt wissen, ob es sich bei M. C. um meinen Großonkel handelt, schlage Seite 79 auf, blättere ein paar Seiten weiter, aber nach 84 kommt gleich 93. Ich gehe noch einmal zurück, in der Hoffnung, die Seiten würden bei einem zweiten Versuch auf magische Weise auftauchen. Das tun sie nicht. Nach stundenlanger Suche haben wir die Anthologie gefunden, aber wir wissen trotzdem nicht, ob der Text von Manuel geschrieben wurde.

Anthologie Niederrhein

Vom Schuften den ganzen Tag tun mir die Arme so sehr weh, dass die Erschöpfung keinen Raum für Traurigkeit lässt. Zumindest haben wir es versucht, sage ich mir beim Rausgehen. Es klingt zwar wie eine Ausrede, aber mehr kann ich schließlich auch nicht tun.

Im Zug zurück nach Hamminkeln hebt sich meine Laune ein wenig und denke daran, dass immer noch Hoffnung besteht, eine Spur von Manuel zu finden, sei es über die spanische Botschaft oder eine der anderen Möglichkeiten. Das Buch habe ich dabei, Marlene hat es mir als Trostpreis geschenkt. Ich schlage Seite 84 auf und stelle fest, dass man immer noch einen kleinen Rest der fehlenden Seiten sehen kann: Wahrscheinlich wurden sie mit einem Cuttermesser direkt am Bund herausgeschnitten. Ein Druckfehler war es also nicht. Aber wer würde so etwas tun? Es ergibt keinen Sinn. Ich überprüfe das Inhaltsverzeichnis, aber die anderen Texte sind alle vollständig. Nach dem letzten Text entdecke ich aber Biografien und Bilder der Autoren. Ich blättere weiter, Namen über Namen und Fotos in schwarz-weiß, und da ist M. C. Bautista, mein Großonkel Manuel, sicher nicht das beste Foto von ihm, aber auf jeden Fall er.

Bio M.C. Bautista

Die Euphorie ist so groß, dass ich sogar meinem Sitznachbarn um den Hals fallen könnte, der seit einer Stunde auf dem Handy in voller Lautstärke einen Dokumentarfilm über den Zusammenhang zwischen der Bilderberg-Konferenz, Reptilien und Impfstoffen guckt. Aber ein Hauch von Verlegenheit und gesundem Menschenverstand sagen mir, dass man zu gewissen (besonderen) Menschen einen Diskretionsabstand halten sollte. Ich lächle, er sieht mich an und dreht die Lautstärke des Handys hoch.

Neben Manuels Foto steht eine kurze Biographie. Im Gegensatz zu den ausführlichen und detailreichen Beschreibungen der anderen Autoren besteht dieser Text aus zwei kryptischen Zeilen, wie eine maschinelle Übersetzung, wobei es 1985 noch kein Internet gab, es muss also einen anderen Grund dafür geben. Die zwei Zeilen lauten:

Text Manuel

Wem gehören diese Initialen? Und diese Zahlen? Ergibt der Text einen Sinn? Ich weiß nicht, was das bedeuten soll oder ob es sich um einen Tippfehler handelt, vielleicht eine Testseite oder etwas in der Art. Das Beste an dem Abenteuer ist, dass ich jetzt wenigstens ein Bild von Manuel habe, das ich in sozialen Netzwerken verbreiten kann. Vielleicht erkennt ihn ja jemand und kann mir Hinweise geben.

Manuel Campón Bautista

Mein Freund Jacinto, der sich unter anderem sehr gut mit der Theorie von Komödien auskennt, hält drei für die perfekte Zahl, um Menschen zum Lachen zu bringen. Egal ob Gag, Witz oder Sketch, um witzig zu sein, muss es drei Wiederholungen geben. Also zitiere ich zum Abschluss noch einmal Woody Allen: „,Doktor, mein Bruder ist verrückt, er denkt, er ist ein Huhn.‘ Und der Doktor sagt: ,Warum bringen Sie ihn nicht ins Irrenhaus?‘ Und der Mann sagt: ,Das würde ich ja gerne, aber ich brauche die Eier.‘“ Ich dachte, diese Metapher könnte den aktuellen Stand bei der Suche nach Manuel veranschaulichen, aber eigentlich weiß ich immer noch nicht, wer der Arzt, wer der Bruder, und wer der Verrückte ist, der sich hier für ein Huhn hält. Sicher weiß ich nur, dass die Suche weitergeht..

Auf Spanisch heißt „Buch“ „libro“ und „libre“ bedeutet „frei“. Ich könnte lügen und eine Geschichte über einen gleichen etymologischen Stamm dieser Wörter erzählen, Lesen und Freiheit. Dahinter steckt aber nicht mehr als ein phonetischer Zufall bei der Übertragung von Phonemen aus dem Lateinischen in romanische Sprachen. Ein wundervoller blinder Zufall.

Texto en español: https://stadt-land-text.de/2022/06/03/krefeld-es/

Mehr von Álvaro Parrilla Álvarez

Wer schreibt das Sauerland? – Literaten und Landflucht

Große Werke sind in Abgeschiedenheit entstanden. In Bergen, Wäldern, in der Einöde. Moses, Jesus, Mohammed und L. Ron Hubbard hatten nicht in der Stadt, sondern in der Pampa ihren entscheidenden Moment – danach schrieb jemand ein Buch über sie oder sie schrieben es gleich selbst, geführt von „jenem höheren Wesen, das wir verehren“ (Heinrich Böll, Doktor Murkes gesammeltes Schweigen).

Sind Autoren – da Draußen in der Natur und allein mit sich und den Elementen – näher an der Muse, am Flow? Schreibt Langweile Bücher? Der Urtext de „Simplify Your Life“ Bewegung, „Walden“ von Thoreau entstand vor 150 Jahren in einer Hütte im Wald. Aber Thoreau ist zum Essen manchmal doch zu Mutti in die Stadt gegangen.

Peter Wohlleben geht mir mit seinen Baum-Erklärbüchern auf den Zwirn, aber findet LeserLeserLeser. Ein Sauerländer Autor hat sich auch damit befasst, höre ich immer wieder. Das Buch wird mir wie folgt vorgestellt: „Kennen Sie die Wohlleben Bücher, ja? Ein Sauerländer hat jetzt auch über Bäume geschrieben.“ Aha. Ein bisschen selbstbewussteres Marketing ohne Nachahmer-Geruch wäre wohl besser.

Womit ich endlich beim Thema wäre: Das Sauerland und die Bücher, das Sauerland und die Literatur. Es ist wohl so: Die allermeisten erfolgreichen oder bekannten oder jung und publizierten Autoren in Deutschland wohnen in Städten – wo auch immer sie aufgewachsen sind. Es gibt viele, ganz hervorragende Bücher, die auf dem Land spielen, mein letztes war „Grenzgang“ von Stephan Thome. Aber Thome, wie viel andere sind auf dem Land aufgewachsen, wohnen als Schriftsteller aber überall, nur nicht mehr auf dem Land.

Falsche Romantik
Land und Wald – derzeit jedenfalls Trends in Literatur und wohlständigen Weltfluchtgedanken. Das Sauerland hat beides zur Genüge. Die Schriftstellerin Juli Zeh sagte mal übers Landleben: „Menschen, die glauben, die Provinz sei eine Idylle, leben grundsätzlich in Städten“, und weiter: „Aus meiner Sicht ist der Unterschied zwischen Stadt und Land viel größer als zwischen Morgenland und Abendland.“

Ergänzen könnte man noch, dass die meisten, die mit dem Gedanken spielen, aufs Land zu ziehen, das nie tun werden. Und die, die dort schon leben, schreiben offenbar so lang nicht über ihre Erfahrung, bis sie dort nicht mehr leben. Die andere Erklärung wäre: Es gibt viele Autoren auf dem Land, aber sie werden nicht verlegt und gelesen. Und eine dritte: die Leute auf dem Land sind zu praktisch veranlagt. Sie wissen, es liest sowieso kaum noch jemand und lernen was Ordentliches. Bücher liegen im Ranking der Freizeitbeschäftigung auf einem „guten vierzehnten Platz“, sagte die Frankfurter Buchmesse halb zufrieden. Aber das ist weit abgeschlagen hinter „Kuchen essen“ und „Ausschlafen“.

Woher kommst du?
Ich kenne Friedrich Merz und Franz Müntefering und Susanne Veltins. Sauerländer Autoren kenne ich nicht. (Natürlich gibt es welche: hier Namen) Der letzte große Moment, der literarisch über die Grenzen des Sauerlands hinaus Bedeutung hatte, war kurz nach dem Krieg, der so genannte „Schmallenberger Dichterstreit“ über die Frage: Gibt es eine westfälische Literatur? Die Antwort der Alten: ja. Die Antwort der jüngeren Generation: nein, sondern nur gute und schlechte Literatur.

Beim Thema „gibt keine Sauerländer Autoren“ rufen viele sofort: Aber Peter Prange, 2,5 Millionen verkaufte Bücher, in soundsoviel Sprachen übersetzt! Ja, antworte ich dann, von dem habe ich hier auch schon gehört. Und auch, dass er seit den 70ern in Paris und sonstwo wohnt.
Ist wie mit dem von mir verehrten Ralf Rothmann, der vor 40 Jahren aus Oberhausen nach Berlin ging – und immer noch als Ruhrgebietsautor wahrgenommen wird – weil viele seiner Bücher dort spielen. Bei Prange kommt das Sauerland aber zum ersten Mal in seinem letzten Buch überhaupt vor. Paradox. Was es gibt, sind (natürlich!) auch Sauerland-Krimis. Dieses regionale Genre lässt ja kein Kleinst-Fleckchen der Republik mehr unbemordet. Und auch wenn das sicher Fans anders sehen: Literarisch sind diese Bücher nicht wirklich von Belang, eher buchgewordene Vorabendserien, manchmal auch nur erfolgreich, weil Dauertrend-Krimi und Da-wohn-ich zusammenkommen.

So, aber jetzt mal Hand aufs waldige Herz lieber HSKler: Wer von Euch kennt Christine Koch? Ach ja? Und wer hat schon etwas von ihr gelesen? … So viel dazu.

Die Sauerländer Nachtigall
Bei Christine Koch stolperte ich über ihren Spitznamen, die „Sauerländer Nachtigall“. Das klingt, sorry, nach singender Kneipenwirtin.
Die Frau schreibt Anfang des vergangenen Jahrhunderts Gedichte auf Sauerländer Platt, veröffentlicht in Heimatzeitschriften und später Bücher. Ihre Gedichte handeln von Natur, Heimatgefühlen und den „sauerländer Menschen“. Sie ist heute Namensgeberin der „Literarischen Gesellschaft Sauerland e.V., Christine-Koch-Gesellschaft“. Ich habe dann ein Buch mit Gedichten von ihr gelesen – die Übersetzung ins Hochdeutsch natürlich – wodurch, Netflix-Serienfreunde und OF-Fans wissen es, viel Originalität verloren geht.

Heimatliebe
Ich lese in vielen ihrer Texte den Wunsch, ihre Heimat zu verstehen und festzuahlten, die Menschen darin zu beschreiben. In ihren Gedichten kann man etwas von dem Leben spüren, das die Region lange prägte und das bis heute sichtbar ist. Das Landleben in seiner Abhängigkeit von Jahreszeiten, die harte Arbeit, die Entbehrungen. Aber sie findet in der Landschaft und den Menschen auch viel Schönheit, Feinheit, Weichheit, dazu Wünsche, Träume und in der Natur Kraft.
Manche Texte sind Sauerland unabhängig ein Memento Mori, ein melancholischer Versuch, Gefühle oder einen Augenblick festzuhalten. Nur weil sie auf Platt geschrieben sind und sehr oft Orte in der Region nennen, läuft das wohl als „sauerländer“ Dichtung. Aber ihre Themen sind universell. Sonst wäre es keine Literatur.

Der Regionale „Charakter“
So wie wir z.B. Walt Whitmans Naturelegien und Hymnen auf den neuen Menschen oder japanische Lyrik über Kischblüten und Kimonos lesen oder Mascha Kalékos Stadtgedichte, und vielleicht gepackt werden von Dingen, die wir nicht erlebt haben und kennen können, so kann man bei Christine Koch einige schöne Verse über das Leben – zu der Zeit in dieser Region finden.

Meine Allergie auf auf verallgemeinernde Zuschreibungen eines regionalen „Charakters“ macht mir allerdings in manchem Text zu schaffen. Solche Typisierungen sind eigentlich immer Quatsch, egal ob in USA, Japan oder dem Sauerland, weil die Gemeinsamkeiten mit anderen Regionen und Gegenden und Menschen doch überwiegen, nicht die Besonderheiten.

Literarische Gesellschaft Sauerland
Die Christine-Koch-Gesellschaft ist, wie ich immer wieder hörte, ein inzwischen etwas überalterter Club von rund 300 Menschen, die zum Teil auch selbst schreiben und sich der Förderung von Autoren und Literatur in der Region widmen.
Seit einigen Monaten gibt es nun einen neuen, jüngeren, Vorstand. 1. Vorsitzende ist die Bildhauerin Stephanie Schröter aus Arnsberg. Sie möchte im Verein einiges modernisieren, plant erstmal weniger Lesungen, vielleicht drei oder vier im Jahr. Im November kommt zu diesem Zweck der unvermeidliche Peter Prange. Außerdem wird es noch zwei oder drei Vorträge zu philosophischen oder Sachthemen geben. Weiterhin soll es im ganzen Sauerland Veranstaltungen geben, nicht nur in Schmallenberg oder Arnsberg. Nicht neu ist der Plan einer Schreibwerkstatt für junge Leute, aber sie soll nun durch jüngere Dozenten durchgeführt werden. Geplant ist ein  zeitgemäßer Internetauftritt und das Layout der Vereins-Literaturzeitschrift “Der Edelrabe” ins Heute zu bringen.

Der Vorstand ist ehrenamtlich tätig und der ganze Verein damit ein typisches Beispiel für die Kulturarbeit in dieser Region: Hier geht nichts ohne engagierte Einzelpersonen und fast immer geht alles ohne Geld von Mutter Staat. Die Regionale Kulturpolitik mag ihre Festivals haben, die Ganzjahresarbeit, z.B. für Literatur, bezahlen die Leute selbst – vor allem mit Zeit.

Ein Buchladen für jedes Tal
Jedenfalls beackert die Christine-Koch Gesellschaft fruchtbaren Boden. Denn im Gegensatz zu vielen Großstädten, die fest in der Hand von einer Mayerschen Buchhandlung oder einer anderen Kette sind und im Verhältnis zur Einwohnerzahl über wenige kleine Buchhandlungen verfügen, bin ich im Sauerland auf eine geradezu erstaunliche Zahl inhabergeführter, unabhängiger Buchläden gestoßen. Sie mögen kämpfen, aber sie leben.

Vielleicht wirkt hier ja die Dorfsolidarität positiv. Nachfrage beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels: Etwa 60 Buchhandlungen der Region sind Mitglied, im Hochsauerlandkreis allein 20. Rechnen wir noch einige dazu, die ohne Verbandelung auskommen ist das eine erstaunliche Zahl. Wo doch die Wege weit sind und amazon über Nacht auch ins letzte Tälchen liefert.

WOLL, ne?
Und einen eigenen Verlag hat das Sauerland: WOLL verlegt unter anderem Bücher aus und über die Region, darunter Christine Kochs Gedichte. Im Sortiment aus Humorigem, Lebenserinnerungen, plattdeutscher Mundartforschung sowie Jugendbüchern und Regionalführern, gibt es aber weniger als fünf Romane. Am besten dürften die Poster des WOLL Verlags mit Sauerländer Umgangs- und Schimpfworten gehen, die ich überall hängen sehe. Literatur – wen wundert es – bringt nicht so richtig Umsatz.

Buchläden leben
In einer der größten Buchhandlungen der Region, bei „Bücher und mehr“, erfahre ich: Gut 40% des Geschäfts machen die Touristen aus. „Bücher und mehr“ ist ein schöner, gut sortierter Laden in Schmallenberg. Die beiden netten Eigentümerinnen kennen die Bücher in ihrem Laden, kennen überhaupt sehr viele Bücher und auch ihre Kunden. Der Online Shop ist nicht nur digitales Beiwerk, sondern offenbar echter Umsatzbringer, erzählen sie. Auch wenn sich viele die Bücher in den Laden bestellen. Was den beiden natürlich noch viel lieber ist. So geht das hier.

Aber auch mit weniger Sorgfalt scheint es zu gehen: Am anderen Ende des HSK, in Olsberg, ist die kleine Buchhandlung Käpt’n Book. Die vier großen Schaufenster zeigen so gut wie keine Bücher, sondern Firlefanz und Buchnippes und wirken vernachlässigt. Und auch Innen sieht es nicht nach moderner Buchhandlung oder wenigsten gemütlich-chaotisch aus: ein schlauchiger Raum, Kachelboden und eine Reihe von etwa zehn Regalen an der rechten Wand. Sortiment: von allem ein bisschen. Profil? Nicht erkennbar. Warum da kaufen, könnte man denken. Um die Ecke ist nur noch für die Internet-Verweigerer ein Argument.

In Verdrehung des Namens der Schmallenberger Kollegen konnte der Laden in Siedlinghausen: „Mehr und Bücher“ heißen. Keine richtige Buchhandlung. Das Schaufenster voller Krims und Krams, Puppen und Porzellan, Ratgeber und Setzkastenfiguren. Drinnen links Kiosk mit Kippen und Zeitungen und die Bestseller der Spiegel Liste auf einem Ständer, daneben Lotto, geradeaus Schreibwaren, mitten drin unfassbarer Nippes und Deko-Kram „für ein schönes Zuhause“ und hinten rechts die „Buchhandlung“ – 3 Regale mit undurchschaubarer Systematik. Bahnhofsbuchhandlung ohne Bahnhof.
Der nette Eigentümer erklärt, er schaue beim Sortiment auf die Liste des Spiegel, bestelle immer ein Exemplar, und dann, weil er sich für Politik interessiert, hat er rechts vor der Kasse noch ein Tischchen mit Biografien von Westerwelle bis Weißnichtwer. „Und wen meine Frau noch ein schönes Buch liest, kommt das auch hier hin.“ Er finden den Preis des neuen kenn Follet eine Frechheit. „Ich bin 72, ich höre in einem Jahr auf.“, sagt er dann noch. Und mit ihm auch der Laden. In Meschede, in Arnsberg und auch kleineren Städten – manchmal (über)leben hier zwei Buchhandlungen. Für mich immer Beleg eines lebenswerten Orts.

Amazon hat also auf dem Land offenbar noch nicht gewonnen. Aber Umsatzeinbrüche und die neue digitale Welt dürften hier nicht zeitverzögert, sondern früher als anderswo zu spüren sein. Und was die Literatur aus dem Sauerland angeht: Vielleicht wird bald ein Autor aus Oberhundem berühmt, schreibt bewegende Bücher und alle meine hier gemachten Behauptungen werden Lügen gestraft. Das wäre schön! Geschichten gibt es genug. Flaubert sagte: „Alles wird interessant und wichtig, wenn man nur lange genug hinsieht.“

 

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