My loneliness 2/ Kriemhild plant

So vor etwa tausend Jahren gab es hier das erste Gartenfest. Schon nach kurzer Zeit erfreute sich die Veranstaltung so großer Beliebtheit, dass ein Vorverkauf eingeführt wurde, den es bis heute gibt. Zum Konzept gehört es unbedingt, die Besucher mit einzubeziehen. So gibt es die Möglichkeit, vorab Musikwünsche per Mail (niflungenende@freenet.de) zu senden. Außerdem gibt es eine interaktive Gruppe bei Facebook unter dem Namen „Niflungenende@Friends“. Das Motto der DJ’s lautet: „Wir feiern eine Party- feiert mit uns!“, auf der Tanzfläche im Saal versuchen die DJ’s die verschiedenen Musikgeschmäcker zu treffen: Zudem ist es im Umkreis einzigartig, dass eine Frau am Mischpult steht und ihr eigenes musikalisches Flair einbringt. Um sicherzustellen, dass man als Gast Zutritt findet, empfiehlt es sich, den Vorverkauf zu nutzen, denn auch heutzutage ist die Party oft ausverkauft. Hierzu stehen die Verkaufsstellen des HellwegTicket Systems (hellwegticket.de) zur Verfügung.
Irgendwo muss man ja anfangen. Kriemhild ist langsam mit den Lockerungen auf den Geschmack gekommen. Zu den Dingen, die generell nicht in den digitalen Raum übertragbar sind, gehören a) ein Gruppengespräch führen, b) sich anfassen und c) seine Restfamilie niedermetzeln. Wie soll das gehen. Pixel brechen nicht so leicht wie Knochen. Kriemhild hat in die Echoräume leerer Videkonferenzräume hinein gerufen, bis etwas herausgeschallt ist, eine Dringlichkeit zum Beispiel und jetzt bereitet sie sich vor. Kriemhild mailt die Zugverbindungen an die Mörder, pardon, die Verwandschaft: liebe familie, zusteig worms hbf, umsteigen in mainz, frankfurt, köln und natürlich hamm, ist ein bisschen umständlich, aber dafür gibt es auf die verbindung noch den gruppensparpreis oben drauf, rückfahrt würde ich erst mal offen lassen und um abendgarderobe wird gebeten. xxxk Das steht in der Email, aber eigentlich schreibt sie natürlich eher: liebe familie, ich habe feuer in die welt geworfen, und siehe, ich bewahre es, bis es lodert. diese welt wird ausgelöscht, die stadt wird vergehen, und der himmel oberhalb von ihr wird vergehen. und die toten leben nicht, und die lebenden werden nicht sterben. sie kommen immer, immer, immer wieder zurück und um abendgarderobe wird gebeten. xxxk Kriemhild macht sich ein paar Gedanken über festliche und angemessene Kleidung, generell empfiehlt sich in unruhiger Zeit eine Übergangsjacke mehr als ein verwegen geblümtes Partykleid. Oder doch lieber die alte Rüstung? Als sie das letzte Mal nachgeschaut hat auf Spiegelonline, befand man sich doch wieder mal im Krieg. Doch ab wann ist eine Fehde schon wieder was anderes? Und welcher Krieg war das noch mal heute, der von den Geschlechtern, der der Dreißigjährigen oder doch der Dreißigjährige, was ist eigentlich diese Partyszene, die viel zu wenig Schaufenster einwirft, ist meine Schlacht eine gegen den Atem fremder Menschen, die für ein Land, das noch nie so war wie in den Büchern oder ist das hier der Krieg der alten müden weißen Körper gegen ihre Verblendung, ist das der Krieg vom Wald oder vom Wasser, der in der Zeitung keinen Platz hat, weil uns doch die Worte lange schon abhanden kamen, oder etwa nicht, „die machen nur noch in Zahlen da draußen, alles Krieg da überall“, hat die Frau mit den Gummihandschuhen vor ihr in der Schlange im Bioladen erzählt, die den Kampf um die Meinungsfreiheit mit Rhabarberstangen führt, zu 7,99 das Kilo. liebe familie, die partyspiele nach dem essen müssen leider entfallen, hygiene und so. keine orangen werden zwischen zwangsalkoholisierten körpern hin-und herbalanciert, motto: kein limbo im limbo. xxxk Kriemhild denkt, ne, lieber ohne Motto. Kein Limbo im Limbo klingt zu sehr nach Diskurspop und dann kommt der Gunter wieder nicht, aber sie denkt noch eine Weile darüber nach, dass „dance like nobody is watching“ plötzlich nicht mehr nur der lebensbejahende Imperativ auf den Frühstücksbrettchen und Wandtattoos in den wiedereröffneten Schreibwarenläden ist, sondern Arbeitstitel ihrer Feier, der nächsten Treffen, ihrer Zukunft und gleichzeitig präzise Beschreibung all ihrer Nächte im April, Mai, Juni. Außerdem hat Kriemhild keine Orangen mehr bekommen, weder für den Tanz noch für die Cocktails und auch sonst überhaupt kein Obst. Im Stolper-Supermarkt, halb hyperventilierend unter ihrer schlecht sitzenden Maske läuft sie gegen einen Turm preisreduzierter holländischer Blaubeeren, der in sich zusammen stürzt. Sie verlässt den Ort des Geschehens so schnell sie kann. Vielleicht war die Kollision aber auch nur ihrer Eifersucht diesen reisenden Beeren gegenüber geschuldet. Verdammtes Obst. Obst, das Grenzen überschreiten darf. Obst, das die Welt und das Meer und Häfen sieht. Obst, das vermutlich von mehr Händen berührt wurde als sie in diesem Frühjahr. liebe familie, besser kein motto. come as you are. ***k Kriemhild plant das Abendessen wie einen Feldzug, gegen die, die ihr alles genommen haben. Die Fleischlieferungen aus Coesfeld, Moers und Gütersloh sollten rechtzeitig eintreffen, angerichtet an Salaten aus Hainbuchenblättern, Stieleichenmus, mit Maiglöckchen zum Sattessen. Bullenauge, Pumpernickel, Möppkenbrot. Alles da. Salz zum Würzen, Salz zum Einlegen, Salz um ungewollte Ehemänner langsam um die Ecke zu bringen, Salz um es in Wunden zu streuen, Salz um die zu erwartenden Kadaver zu konservieren. Die Maikäfer, die sie vorigen Monat von ihrem Socken, aus ihrem Schoß gepflückt hat, vielleicht kandiert als Nachtisch. Mit Löwenzahnsirup aus den letzten Apriltagen. Hauptsache irgendwas hält vorerst noch Leib und Seele zusammen, als ob die beiden nicht eigentlich voneinander getrennt gehören, wie die Spreu vom Weizen, der Verstand von der Kränkung, wie Züge am Bahnhof von Hamm.
adults appear at the end of April or in May and live for about five to seven weeks
Kriemhild googelt sich eine Liste zusammen mit Gesprächsthemen, die noch schlechter verdaulich sind als das Essen auf dem eingedeckten Tisch. Hexen- und Tierprozesse findet sie immer noch extrem unterhaltsam. Aber wer hat heute noch was gegen Frauen oder hängt Maikäfer auf, wegen Feld- und Hausflurschäden. Wer verurteilt den Maulwurf dazu bei lebendigem Leibe begraben zu sein, weil er einer Vergewaltigung beigewohnt hat, die blinde Sau mit den viel zu schwachen Ärmchen. Warum eigentlich nicht. Und warum nicht auch Häuser, Straßen, Städte bestrafen, für all das, was sie mit angesehen haben, Kasernen, Bahnhöfe, Lidlparkplätze, Schottergärten, Zonenrandbesiedlungen. Irgendwo muss man ja anfangen. Kriemhild ist mittlerweile von der ganzen Planung so porös geworden wie die Vorstädte, in denen sich Hitze zwischen den Hausständen staut. Nie war sie mehr bei sich und weniger zu Hause als an all den Orten, an denen sie hinter Gardinen betrachtet im Vorübergehen ist, alle Wurzeln längst gekappt und gekärchert und mit Kieseln aufgefüllt. Nie hatte sie mehr hellsichtige Klarheit als im Schienenersatzverkehr, auf Kopfsteinpflaster auf Sauerstoffentzug. „Jetzt sehen wir selbst schon aus wie syphiltische Frühromantiker mit unserem absichtslosen Lidschatten aus drei Nächten ohne Schlaf und waren doch mal die, die nach den Sternen segeln wollten. Aber wer nach einmal sieben oder zweimal dreizehn Jahren immer noch am Hafen steht und auf ein Schiff wartet und ein Zeichen, nur ein einziges, bitte, der muss sich eingestehen dass die Reisebegleitung nicht mehr kommen wird und nur noch neue Katastrophen angespült werden.“ Es kommt keiner mehr. Alle weg. Verschwunden. Der einzige, der auch in dieser Nacht wieder vorbei schaut, ist Siegfried, der Schatten ihrer ersten schlecht getimten großen Liebe, der sie besuchen kommt, um sich und sie daran zu erinnern, dass Schwäche ihre Zierde ist und nicht der Kruppstahl ihrer deutschen Schwermetall-DNA, die auf den Flüssen nicht sinken kann. Der sie daran erinnert, dass es die rostigen Stellen ihrer Rüstung sind, die aus anderthalb bis zwei Metern Abstand ein bisschen wie Bronze aussehen. Dass all die Löcher. Lücken und schartigen Ränder ihrer undurchdringlichen Verteidigungswand dringend benötigt werden, damit ein Wind gehen kann über den daumenbreiten Raum zwischen Haut und Metall, zur Abkühlung vielleicht und um zur Abwechslung auch mal was zu fühlen. „Huch“, denkt Kriemhild und „wie ist denn dieser Knabe so unerwartet in meinen Schoß gefallen“ und „Come in she said I give you a shelter from the storm“ flüstert sie Siegfried ins Ohr, so wie früher, als sie mit ihm in einem anderen Garten lange vor dieser Zeit über den Mulch torkelte. Kriemhild ist sich dann beim Aufwachen nicht sicher, ob das wirklich Siegfried war oder doch der Elefant oder doch eher ein Vogel, ein Greif, ein Spatz, eine Schwalbe, wer kann schon wissen, was das war, was da während der Nacht unter ihrem Rippenbogen seine Heimat gefunden und ihn ausgeweitet hat, das wächst ja noch, das Ding, hat keine erkennbare Form, nur Ränder, Ecken, Kanten, weil das immer die ersten sind, die an die Oberfläche schießen im Gewächshaus ihrer Traurigkeit. Kriemhild macht das Bett und versucht, Siegfrieds Geruch in den Laken zu finden, diese Spur aus abgelagertem Testosteron, aus Oregano und schlechtem Gewissen. Sie findet nichts. Kriemhild kocht sich einen Kaffee und hört dabei im Radio einer 92jährigen WDR5-Hörerin zu, die für das Leben mit Risiko anstatt Sterben mit Einsamkeit plädiert. „Auch gut“, denkt sie und geht noch mal die Checkliste durch: Location aussuchen und ggf. buchen Gästeliste erstellen und Einladungen verschicken Datum und Uhrzeit festlegen Budget kalkulieren Eventuell Motto für die Party auswählen Partyspiele / Unterhaltungsprogramm überlegen Essen planen und vorbereiten Playlist erstellen bzw. Band oder DJ aussuchen Dekorieren „Playlist kann ich morgen auch noch machen“, denkt sie. Weil Kriemhild ist immer noch eine Sternschnuppe, die nicht verglüht. Die sich mit drei anstatt zwei Fingern bekreuzigt. „Werdet Vorübergehende“, sagt sie laut und dann bestellt sie eine Luftballonpumpe im Internet. Irgendwo muss man ja anfangen.

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My loneliness 1/ Kriemhild wartet

Das kann einer sehen von denen, die nach Soest kommen
die ungeheuerlichen Dinge, die da geschahen, den Garten,
der Niflungengarten genannt wird und den Schlangenturm
und den Weg
und manche andere merkwürdige Dinge, die da geschahen

 

Kriemhild wartet.

Auf das Ende, auf die Familie, aber erstmal vor allem auf schlechteres Wetter. Nicht nur wegen der Hitze, die sie gerade in allem lähmt, nein, sondern weil wenn die Familie anreist und das große letzte Fest stattfindet, dann muss nasses Wetter sein, so sagt es die Prophezeiung.

Kriemhild wartet. Sie vertraut auf das, was ihr die Geister nachts durch die Tapete über die künftigen Gemetzel zuflüstern. Ihr nächtliches Lauschen und die Fähigkeit, Träume deuten zu können, haben ihr doch immer nur Gutes gebracht, oder nicht? Der Falkentraum, natürlich, das war was anderes. Das hätte anders funktionieren müssen. Der Traum vom schönen, starken, wilden Falken, den sie tags von ihrem Balkon am Rhein aus in den Lüften betrachtete und der sich nachts an ihre Seite legte, in das geheime Nest zwischen Rücken und Federkissen, um im Morgen zu verschwinden ohne Spur. Das war eine ganz andere Traumnummer, ganz anders Kaliber. Aber dann hat er sich zerfleischen lassen, der junge Falke und ich habs ja noch gesagt, denkt sie und wenn er doch nur ein Mal zugehört hätte und aber aber aber und danach fiel sie erstmal in eine gewisse traumlose Dunkelheit, weil dann war erst mal richtig schlimm, so wie in richtig dunkel und so gut lief es im Großen und Ganzen die letzten 26 Jahre nicht und jetzt sitzt sie hier, eingezwängt zwischen Fachwerkhäusern, die sich an keine Distanzregeln halten, versteckt sich auf der Terrasse ihres Hauses, um von dort aus dem Sermon der ebenso einsamen Trinker zu lauschen, die sich wie jeden Abend in den Rest der Sonne setzen, um die Käppchen vom Underberg zu drehen, ein Fläschchen nach dem anderen. Echte westfälische Fleißarbeit.

Kriemhild wartet und zählt die Glockenschläge eins zwei drei vier fünf sechs sieben acht und fragt sich, warum ist es so viel leichter, eine unschuldige Leber zu bestrafen, als sich die eigenen Erinnerungen zu verzeihen. Die Bauarbeiter nebenan schauen nicht zu ihr herüber. Aber sie trinken auch noch einen, gegen den Durst, gegen die Verzweiflung, gegen die Stille und schalten das Radio an:

and I must confess I still believe/ still believe

Kriemhild gesteht gar nichts und glaubt an nichts und sie wartet und muss doch noch was tun, da ist immer diese Unruhe, die ihr das Warten so schwer macht, immer noch nach all den Jahren und deshalb harkt sie das Laub auf der Wiese zusammen und beschließt, ein Feuer zu machen, mit einem alten Kinderlied auf den Lippen in schlechter Übersetzung:

My dear, who lights the ash-tree should know
What to get involved in and not complain too much
You must be prepared to make a sacrifice
Your heart your tongue your heart
On the tongue and the sinews of your hand
(du musst bereit sein ein opfer zu bringen
dein herz deine zunge dein herz
auf der zunge und die sehnen deiner hand)

Kriemhild steht am Feuer und hält ihr eigenes Herz fest, sie hat es in ihrer Handfläche zusammen gepresst, eine schwitzige Faust aus Salbeiblüten, Erde und toten Spinnen, plus ein paar Tabakreste an dem nutzlosen Organ, von dem sie nicht weiß, wofür das noch zu gebrauchen ist. Das bisschen Fleisch, die paar Proteine. Was soll das alles. Ihr Herz spricht lange nicht mehr zu ihr, aber wenn man seinen Daumen hineinbohrt, dann erklingt ein langer hoher Ton, ein Pfeifen oder ein, was, ein ein ein asthmatisches Luftholen nach einem Treppenlauf oder doch ein letztes Lebenszeichen, nein nein nein, bitte nicht nein hör auf nein.

Kriemhild wartet und trifft eine Entscheidung und sie opfert ihr Herz dem vor sich hin sterbenden Holunder, der aller Hoffnungslosigkeit zum Trotz nicht gefällt werden darf. Ihre Zunge und ihre Hände braucht sie noch, später beim Familienfest werden sie bestimmt noch etwas Arbeit zu tun haben.

Kriemhild geht zurück ins Haus, kratzt den letzten Dreck unter den Fingernägeln hervor, wäscht sich die Hände und singt dabei zweimal HIT ME BABY ONE MORE TIME. Sie steht vor dem Spiegel, wundert sich über dieses Gesicht und fährt mit dem Zeigefinger über die frische Narbe an ihrer Brust.

Kriemhild übt ihr bestes falsches Lächeln, bis es so gut sitzt wie bei der Hure aus Worms, die sich früher beim gemütlichen glutenfreien Familienfrühstück immer über sie beugte, um den giftigen Atem aus Zweifel, Scham und Selbstkritik ihren Nacken entlang zu hauchen, die sie immer betrachtete im Schlaf, aus dem Vorhang, aus dem dichten schwarzen Bienenschwarm an Eifersucht heraus, einem Schwarm der sein Zuhause nicht mehr finden konnte oder es verloren hat vor langer Zeit und jetzt herum irrt zwischen A 1, A 2, A 44 und den Güterbahnhofsgleisen. Manchmal ist Kriemhild an Abenden wie diesen so verirrt wie die letzten lebensmüden Bienen, die auf der Suche nach dem rapsgoldenen Schuss des allerbesten Glyphosphatheroin auf den nächsten Feldbrand warten, oder wollen sie dort nur ein wenig rasten oder wollen sie sich dem allen endgültig entziehen oder warten sie auch auf irgendwas, auf Rache vielleicht oder warten sie auf ihren Imker, den mit den warmen harten Händen und den Armen lang genug, sie auch aus der Distanz heraus sicher zu halten.

Kriemhild würde auch mal gerne wieder gehalten werden, jetzt zum Beispiel oder generell auch, wenn sie im Regen auf den Stufen zu fallen droht, aber da ist keiner, hallo, hallo, ist da wer, wo ist dieser verdammte Hofstaat, wenn man ihn mal braucht, keiner da, nur wenn Geschenke verteilt werden oder Gebäck, dann drängeln sie sich vor, als gäbe es einen Friseurtermin umsonst oder einen Gutschein auf Schnitzel und für gegen Leibeigenschaft.

Kriemhild denkt: Es regnet ja gar nicht, ich falle ja gar nicht und vielleicht sterben die Bienen auch gar nicht und fallen um wie die Bäume im Wald, vielleicht haben die einfach bloß keinen Bock mehr und vielleicht ist das auch alles nur ein schlechter Traum, haha. Als ob.

Kriemhild leiht sich einen Rasenmäher bei den Nachbarn, um den Randstreifen des Hellweg frei zu machen von Unkraut. Wenn die Familie zu Fuß zu Besuch kommt, dann soll sie nicht stolpern vor ihrer Zeit.

Kriemhild mäht sich die Ausfallstraße entlang, darin ist sie sehr gründlich, eine gerade kilometerlange Schneise aus totem Gras, das hinter ihr aufgeregt summend am Asphaltrand zurück bleibt, sie sammelt sich und dann sammelt sie ein paar Blumen und sie schaut von der Brücke aus den Autos zu, wie die sich auch einen Scheiß darum kümmern, wie das mit der Welt weitergehen könnte. Das beruhigt sie eigentlich meistens.

Leer lassen, wenn das Bild nur als dekoratives Elemnt dient

Kriemhild zählt ein paar rote Autos und keine Reisebusse und ein paar SUVs, in denen aufgedrehte Kindergartenkinder den ganzen Tag über herum gefahren werden, weil ihre Mütter nicht mehr wissen wohin mit dem Balg.

Kriemhild kauft sich im Sonnenuntergang ein Eis an der Tankstelle, sie zahlt bargeldlos und auf dem Weg zurück in ihren Garten tropft ihr das Eis die Finger, Hände, Unterarme entlang auf den Boden. Sie hinterlässt eine Spur aus entrahmter Milch, Zucker, Pflanzenfett, Molkenerzeugnis, Sonnenblumenöl, Glukosesirup, Frucht- und Gemüsekonzentraten, Emulgatoren, Verdickungsmitteln, natürlichem Aroma und Invertzuckersirup auf dem Weg, das macht es den Vögeln und den Gästen später leichter ihr zu folgen.

Sie wartet.
Sie wartet.

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Nach dem Regen/ Unterwegs

Seit der angeblich launische Monat April vorbei ist, gibt es endlich wieder Regen.
Eingesperrt im Paradiesgarten nordöstlich von Corona wurden jeden Tag zweimal die Bäume und Büsche gegossen, damit die Dürre nicht schon im Frühling überhand nahm. Der trockenste Monat seit Menschengedenken. Der wärmste April aller Zeiten. Wenn der Weltuntergang mit ausbleibendem Regen zu tun hat, mit Zombies, Elefanten und Gespenstern und nicht nur mit Bürokratie, dann werde ich mich wohl damit arrangieren lernen.

Ich erinnerte mich in diesen Wochen immer wieder daran, genügend Wasser zu trinken und weniger mein Gesicht zu berühren. Ich dröselte meine unnötig warmen Pullover aus, um daraus Rankhilfen zu bauen und bei Bedarf zwei, drei Erzählfäden zur Hand zu haben. Ich bekam Sonnenbrand und Panik, meistens abwechselnd. Die Vögel, diese lärmenden Frühaufsteher unter den Todesboten, wurden auch nicht vergessen. Wer Bäume gießt, der füllt auch Schalen mit Wasser vor seinem Fenster, damit der Schlaf im Sonnenaufgang nicht gestört wird und auch der Elefant was zu trinken hat.

Die Grenzen meiner gesetzlichen Zuordnung verwandelten sich ganz schnell in die Grenzen meiner Wahrnehmung. An den Rändern: Grün und grau, Polizeiautos und Frauen mit neongelben Amtswesten. Wenn ich meinen Reisepass und Mietvertrag vergessen hatte, dann warf ich das Fahrrad in die Weißdornhecke und versuchte meinen Weg zum nächsten Supermarkt über die verwachsenen Schleichwege zwischen den Büschen zu finden. Meine schlammverkrusteten Schuhe das Überbleibsel meiner neu erwachten Paranoia.
Ostersonntag rannte ich sogar vor einem Polizeibus davon und versteckte mich im Schilf neben dem gelangweilt vor sich hin treibenden Grenzfluss. In der Nacht träumte ich von unbekannten Verwandten, die durch Flüsse schwimmend vor der Roten Armee zu fliehen versuchen. Ich erzähle das später dem russischen Sascha aus München, der lachte nur und sagte: Wie süß. Ihr Deutschen immer .
Die Schichten meiner sicheren An- und Zugehörigkeit lösten sich immer weiter ab. Bin ich hier richtig? Habe ich Papiere? Sehe ich noch aus wie auf meinem Ausweisfoto? Kann ich überhaupt in einer Schlange stehen?
Keine meiner Spuren, Heimaten, meiner Arbeitsverbindungen und Beziehungen kann auf dem Papier Bestand haben. Alles hinterlässt, wenn überhaupt, eine Spur auf mir und vielleicht jemand anderem. Meinen Gedanken, meiner Erinnerung.

„Ich wandte meine Schritte und mit einem Herzen voll unendlicher Liebe für die, welche sie verschmähten, wanderte ich in ferne Gegend
“, so träumte Franz Schubert vor 198 Jahren, als er seinen Garten verließ, sich eine Mund-und-Nase-Bedeckung aus verschmiertem Notenpapier bastelte und vorschriftsgemäß erst 50 Meter hinter dem Bahnhofsbistro auf eine Bank setzte, um seinen Filterkaffee zu trinken. Denn: Das vorübergehende Verweilen auf öffentlichen Bänken ist ab dem 20. April wieder gestattet.
Na dann.

Bahnhof lebensfroh Ruhrgebiet

Vielleicht waren Bahnhöfe schon immer die sichtbaren Zeichen der längst vergangenen Postapokalypse und wir haben sie nur nicht erkannt. Weil da zu viele Leute herum liefen und mit ihren Brötchen krümelten. Nur weil da Stromkabel an einem Pfahl hängen, heißt das noch lange nicht, dass die auch irgendwo hinführen. Das können auch nur Horizontlinien sein, die vorübergehend und um die Perspektive besser anzudeuten, beim einer ersten Skizze noch nicht ausradiert wurden.
„Derzeit sind verstärkt Trickbetrüger unterwegs. Passen Sie auf ihre Wertsachen auf“, sagt die Lautsprecherdurchsage in Bochum und ich bin wachsam inmitten schaffnerlosen Einsamkeit.

In der Privatbahn nach Soest wird dafür mit einer Besessenheit kontrolliert, als gelte es, alle potentiellen Schwarzfahrer bundesweit wieder aufzurechnen. Ich gerate naturgemäß in Schwitzen und versuche nicht nach oben zu schauen, wo sich der Elefant unauffällig im Gepäcknetz versteckt hat. Nach jedem zweiten Halt steht wieder winkend ein Angestellter vor mir und will meine Fahrtkarte begutachten. Schon wieder? Ich übe meinen bösen Blick und scheitere. Normalerweise klappt der. Nur mit Augen über Maske scheint er nicht zu funktionieren. Er lässt sich nicht abwimmeln. Ich denke, er verwechselt mich und das Notizbuch mit der Spiegel-Reporterin, die über Helden der Gegenwart recherchiert und rührende Portraits von Bäckereifachverkäuferinnen, Supermarktangestellten,und Kontrolleuren macht und deshalb jetzt incognito zwischen Hamm und Soest, Balksen und Berwicke, Welver und Dinker, Anröchte und Erwitte pendelt.
Als ob.

Als ob ich hier irgendwas protokollierte.
Als ob Helden jemals Kontrolleure wären.
Als ob Helden die wären, die im Angesicht von irgendeiner gefährdeten Gegenwart einfach weiter zur Arbeit gingen wie bisher. Schichtbeginn, Zack, Held steht bereit.
Als ob Helden nicht eben genau davor flüchten, aus der Wiederholung und der Wiederholung und der Sicherheit der Wiederholung, um kopflos aus genau dieser heraus zu rennen, weil sie was gehört haben, den Ruf heraus aus dem, was der Alltag ist, plus Selbstüberschätzung, plus das Herz voll unendlicher Liebe für die, die es verschmähten, plus feste Schuhe und die bescheuerte Idiotie dahin zu wollen, wo man vorher nicht war. Nur um sich zu verirren und dem Bösen hinter die Maske blicken zu können. Um die echte versteckte Welt und nicht nur die eigene Reflexion darin zu sehen. Naja, und vielleicht auch, um am Wegesrand ein paar Königstöchter zu vergewaltigen, die Väter zu entehren und sich damit ein paar neue Immobilienanlagen in unsicheren Zeiten zu sichern.

Spiegel Welver
Research indicates that male writers are more likely to make heroines superhuman, whereas female writers tend to make heroines ordinary humans.

Na dann.

Als ich mein Haus erreiche, wuchern die Kräuter aus den Ritzen. Der Elefant bezieht das Erdgeschoss und überlässt mir das obere Zimmer. Die Knoblauchranken zwischen den Terrassenplatten sind so hochgeschossen, dass sie bis zu meinem Fenster heranreichen. Sollte der Ruf zur Heldinnenreise noch heute Nacht erfolgen, kann ich ganz leise an ihnen herunter klettern und sehen, wohin der Weg mich führt.

Regenbogen Soester Anzeiger Alles wird gut
(One day a power rainbow of queer energy will blow the roofs off the houses and free the nuclear family and everything will be fine)

Alles wird gut.

Na dann.

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Traumdeutung (schwarz weiß grau)

Dichotomie im Denken ist ja generell ungut. Kann man viel drüber rätseln, aber an sich existiert das erst mal gar nicht oder macht nur Ärger. Deshalb immer auf der Hut sein vor Leuten, die einem was davon erzählen wollen, Zweiteilung, Linien, Grenzziehungen, Gut hier, Böse da, an der Ecke sehr heilig und da hinten ganz schlecht und verhurt, hinter mir Vergangenheit und vor mir das andere.
Mir, vor allen anderen muss auch keiner etwas über die Nachteile von Schwarz-Weiß-Denken erzählen, weil hier: Grau. Ausschließlich grau. Ziemlich viel grau. Einer Dame, die seit meteorologischem Frühlingsbeginn mit Elefanten zusammen lebt, muss über Bedeutung von Graustufen nicht wirklich was gemansplaint werden. Echt nicht.

Dichotomie bei Bohnen ist wiederum was anderes. Zweimal am Tag wässere und streichle ich die Setzlinge auf meiner Fensterbank. Wenn das keine echte Schönheit von dichotomischer Teilung an dieser Sprossachse ist, dann weiß ich auch nicht. Gäbe es ein sicheres Zuhause, es könnten Bohnen erwartet werden zum Ende des Sommers, der vor mir liegt. Wenn Menschen am Ende des Sommers zu Besuch kommen dürften, ich würde eine Bohnensuppe gekocht haben werden. Der Futurdrei ist eine Grammatikform, die ich noch üben muss, ich weiß.

Dichotomie bei Träumerinnen: vorhanden. Weil es gibt die einen, die nicht träumen und deshalb verdächtig sind. Und es gibt die anderen, die permanent am Träumen sind, was ja erst mal in Ordnung ist, bis sie anfangen, von ihren Träumen zu erzählen. Den Träumen anderer Menschen zuhören zu müssen ist etwa so unangenehm wie das erzwungene Betrachten verwackelten Urlaubsbildern oder die unfreiwillige Teilnahme an fremdem Popeln. Ich bin eindeutig Typ 2. Ich belästige Menschen mit meinen Träumen. Massiv. Schon immer.

Von den wiederkehrenden Träumen, dich mich seit Jahren verfolgen, nachts kalt erwischen und dann in den Tag hinein weiter kleben bleiben, gehört der mit dem Walfisch. Ich habe Google gefragt und Lexika, einen Oreonauten, meine Mitbewohner, Schamanen und Psychologen, schlaue und weniger schlauere Menschen und noch hat keiner eine Deutung vorgeschlagen, die interessant genug gewesen wäre, um sie final zu akzeptieren.

Der Traum geht so:
Ein Walfisch treibt auf dem Meer.
Es ist windig, der Wellengang schwer.
Sonnenauf- oder Untergang ziemlich wahrscheinlich.
Der Walfisch taucht auch immer wieder auf und ab, ist halb sichtbar, tümmelt da so herum und als er sich endlich in seiner vollen Größe aus dem Wasser erhebt, fängt er plötzlich an zu brennen.
Wie ein Osterfeuer oder ein Geburtstagskuchen, auf dem die kleinen grünen, pinken, gelben Kerzen immer sofort auf die Zuckerglasur, respektive den Wal tropfen.
Der Wal brennt ohne Geräusche.
Menschen stehen am Rand einer Klippe, schweigend. Dabei ist es ist meistens kalt und sie haben Mäntel an, sie schauen dem Wal zu und halten die Klappe.

DREAM 1: BURNING WHALE (von Lilianna Kane)

Ich mag diesen Traum. Er kommt in einer undurchschaubaren Regelmäßigkeit so wie mein Heuschnupfen oder mein Selbstmitleid, immer mal wieder und sicherlich einer inneren Logik folgend, aber ohne dass ich sie durchschaue.
Was weiß ich schon. Ich sage auch Walfisch zu einem Säugetier.

Vor meiner ersten Reise in den Hellweg, in der kurzen Nacht zuvor, hat sich der Traum verändert.
Ich stehe wieder in einer Menschenmasse, die schweigt, ich habe einen Wintermantel an und mache einen auf Beobachter, aber diesmal stehen wir nicht am Rand einer Klippe sondern am Eingang der Wüste, die eigentlich auch wie ein Meer ist, nur trockener.
Und es ist kein Fisch, der brennt, da brennt eine Herde Elefanten. Sie sind weit draußen, es ist mitten in der Nacht und die brennenden Elefanten laufen einmal quer durch das Blickfeld und stehen in Flammen, ein Wüstenelefantenfeuerwerk.

Dream 2: Burning Elephants (von Lilianna Kane)

Ich wachte auf im März und wunderte mich, war aber mit Kopfschmerzen und Taschepacken und Busfahrerverfluchen beschäftigt, ich musste einen Zug erwischen, einen Proviant einkaufen und einen Schienenersatzverkehr durchschauen, deshalb war keine Zeit sich weiter mit diesem Traum zu beschäftigen. Draußen zog Deutschland am Zugfenster vorbei in schlammigem Mattbraun. Wie war die Welt so trübe, jajaja, und der Weg gehüllt in Schnee, zumindest an ein paar wenigen Stellen.

Von allen Jahreszeiten, die für Anfänge scheiße sind, November und März ganz oben mit dabei.
November wegen Hoffnungslosigkeit und März wegen Hoffnung, weil zu ahnen ist, dass das alles besser wird, aber es nicht danach aussieht. Nur weil irgendeine Dings es seit Anbeginn der Welten geschafft hat, aus dem Winter wieder einen neuen Anfang zu machen, der keimt und blüht und Wurzeln schlägt, heißt das ja noch lange nicht, dass es in diesem einen Jahr wieder funktionieren kann.
(Spoiler aus dem April der Gegenwart: Frühling hat geklappt. Der Rest nicht so.)

Jetzt ist mehr Zeit und nicht mehr ganz so viele Verkehrsmittel.
Dafür Elefant.
Ob er auch in Traumdeutung mache, will ich von ihm wissen.
Und er: Ob ich mir denn für keine Frage zu blöd sei.
Bei Neugier gibt es erst mal kein richtig oder falsch, merke ich an und: Dein dichotomisches Denken nervt total.
Der Elefant schnaubt nur, ob ich hier jetzt kuschelpädagogisches Esorterikgetexte eines Säugetiers einfügen wolle, so ganz schlimm wie in, komm schon, Stimme der Weisheit, sag doch auch mal was Schlaues.
Nein, sage ich. Das jetzt nicht gerade.
Meine Stimme zittert ein bisschen dabei.

Wer jetzt noch träumt, ist verloren.
Wer Anteilnahme und Verständnis von Untertönen in Gegenwart einer grauen Tonne verlangt, ist sowieso verloren.
Wer Antworten im Schlaf sucht, wenn die Vernunft vorübergehend ausgeschaltet ist, wenn alles irgendwie ausgeschaltet ist, der ist wiederum so rettungslos verloren, dass er eine Antwort verdient.

Ob ich die Zukunft gedeutet haben möchte, will der Elefant von mir wissen.
Jetzt muss ich auch ein bisschen lachen.
Natürlich nicht.
Weißt du, so der Elefant, wir müssen uns langsam von der Vorstellung verabschieden, dass die Zukunft in nur einer Richtung zu finden ist. Und dass diese vor uns liegt. Weil es an der Zeit ist, neben sich zu schauen. Das Blickfeld zu erweitern. Um auf dem Boden, in den Nischen und Winkeln zu suchen. Verstehst du mich?
Der Elefant schnaubt wieder, diesmal aber verständnisvoll.
Wir rücken ein bisschen zusammen.
Wir atmen ein bisschen ein und aus.

Ich fahre mit meiner Fingerspitze seine Falten entlang, auf der Suche nach einer Antwort oder Richtung, Labyrinthe sind das, Sackgassen und verzweigte Wegesnetze in den Rillen seiner Haut. Er tastet vorsichtig meine Narben ab mit seinem Rüssel, auf der Suche nach Verständnis, nach Geschichten oder Mustern.

Das geht so eine ganze Weile, bis die Nachmittagssonne ein Erbarmen mit uns hat, wir uns aus dieser merkwürdigen Umarmung lösen und ein bisschen peinlich berührt abrücken, um die Bohnensetzlinge umzutopfen.In einen anderen, etwas größeren Saatbehälter versteht sich, mit dem Freiland warten wir noch ein bisschen, denn den Eisheiligen ist ebenso wenig zu trauen wie den Träumen bei Nacht.

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Der Elefant im Hellweg

Sagen wir, angenommen, da steht ein Elefant im Raum.
Und sagen wir, dieser Raum könnte jetzt gerade meine Gegenwart sein.
Oder der Hellweg.
Geht auch.

Der Elefant steht jedenfalls da und egal ob ich blinzle oder die Brille abnehme saubermache abspüle aufsetze, davon wird der weder größer noch kleiner. Der steht da einfach. Der Elefant. Und bewegt sich nicht. Keinen einzigen Millimeter, nicht ein bisschen.
Elefanten werden ziemlich groß. Merkt man immer erst, wenn der so direkt vor einem. Elefanten werden sogar bis zu wieviel Meter, ja muss ich nachschauen, mach ich später, geht jetzt nicht, ich hab hier ein größeres Problem und außerdem habe ich überhaupt keine Lust, Elefantendaten nachzugoogeln und noch weniger Lust, so zu tun, als wäre der da nicht. Das ist zu albern und außerdem bin ich ziemlich verängstigt, so mit Elefant in Raum. Noch dazu alleine. Eine falsche Entscheidung, zack, zerquetscht. Kennt man. Und Elefanten sind rachsüchtig, über Jahrzehnte hinweg tragen die einem so etwas nach.

Besser nett gucken, falsches Lächeln üben und erstmal sitzen bleiben.
Bewegungen generell sind vermutlich gar nicht gut.
Eigentlich müsste ich aber mal raus hier.
Geht aber nicht. Wegen Elefant und so.

Ich kann so überhaupt nicht spazieren gehen, obwohl das doch der Plan war und auch auf meiner Postkarte steht und das Wetter eigentlich ideal ist. Aber ich kann nicht spazieren gehen, weil sich der Elefant ziemlich direkt vor die Haustüre meiner Residenz gesetzt hat und mich nicht mehr heraus lässt und selbst wenn ich da draußen sein würde, wäre der auch schon überall. Sich in diesen engen Gassen oder Cafés oder Regionalzügen in sicheren Abstand zu Elefanten zu positionieren, quasi Ding der Unmöglichkeit.

Die einzigen Orte, an denen sich Elefanten und Spaziergängerinnen noch aus dem Weg gehen könnten, sind die uniformen Weiten der Einsamkeit, an denen der Hellweg so aussieht, wie überall auf der Welt: Die Nicht-Orte, die zu Nicht-Elefantenorten werden könnten, ach ihr Supermarktparkplätze, Grünstreifen und Autobahnraststätten, ihr leeren Schulhöfe und Tartanbahnen, ihr windverwehten, toten Auen der Flächenversiegelung. Naja. Als ob ich mich an Nicht-Orten aufhalten könnte, ohne sofort in eine fette, graue Depression hineinzustolpern, die an Größe und Kollisionspotential dem Elefanten in nichts nachsteht. Also wirklich jetzt.

Ich kann doch so gar nichts vom Hellweg sehen, da steht ein Elefant davor. Mit uns beiden, dem Ding hier und mir gleichzeitig ist auch kein Platz zum Schreiben, es ist nicht mal Platz zum Atmen oder Durchschlafen oder Nachdenken oder für sowas wie Hobbies. Der Elefant verändert eine ganze Menge.

Alles ist gerade sehr anders, wusstet ihr das schon?

Vor drei Wochen war meine größte Angst so vom künstlerischen Dings her, dass ich das Frühjahr über in kreativer Isolation sitze und versehentlich nur Netflix schaue. Zumindest diese Angst ist definitiv weg, erstens Internet überlastet, zweitens kommt einer die Fiktion in Zeiten des Realitätsverlustes vollkommen albern vor.

Ich kann keine Filme mehr schauen und keine Serien, weil es da nur so von Fehlern wimmelt, ich bitte euch, ihr Geschichtenschreiber, ihr Wirklichkeitsverdreherinnen, ihr Vollidioten – Menschen die sich verabreden? Öffentliche Verkehrsmittel benutzen? Über eine Straße gehen zu zweit? Protagonistinnen, die Türklinken mit Händen statt mit Ellenbogen öffnen, um dann auf Konzerten beieinander zu sitzen, die in Bars betrunken werden mit Bier, das nicht aus Flaschen kommt, um später peinlich zu tanzen und sich dann noch später im Dunkel der Nacht anzulecken, was soll das denn bitte? Was soll all das, woher kommen die denn, diese komischen Narrative über die Distanzlosigkeit von Körpern, ohne dass diese Menschen verwandt wären oder das auf polizeiliche Kontrolle hin auch nur ansatzweise beweisen könnten.
Das hat doch nichts mit mir zu tun.
Das ist nicht meine Geschichte. Das ist nicht meine Gegenwart. Und auch nicht die vom Hellweg.

Oder doch, vielleicht, ich weiß nicht, da war was.
Jetzt sitze ich hier schon mit einem Elefanten zusammen und kann mich an nichts mehr erinnern.
Meine Güte.
Wie lange ist das jetzt schon?

Das muss so etwa, also so damals gewesen sein, in der Zeit in der ich und meine Wanderbegleitungen noch Arbeit hatten, Jobs und Projekte und Projektvorhaben und Projektziele und Projekttreffen, und Zeitpläne hatten wir auch, und Urlaubsreisen, Zugtickets, Bürgerrechte und Erkältungen, all sowas.
Humor hatte ich auch noch, bis so etwa vor einer Woche, jetzt musste der leider weg, hab ihn gestern Nachmittag noch kurz gesehen und dann zusammen mit den Astern und dem Restholz und meinen ersten Hellwegnotizen im Sonnenuntergang im Feuer im Garten verbrannt. Frühjahrsbeginn.

Regionschreiberin im Garten beim Verbrennen voriger Versuche.

Regionenschreiberin im Garten (ohne Elefant). Bild: Lilianna Kane

Alles verbrannt oder einfach nur schal geworden wie altes Brot. All diese grundbescheuerten Notizen, Skizzen über die Peinlichkeit von Begrüßungen in Zeiten der Krise, über Bratwurst Slash Pommes oder den geheimen Zusammenhang von Leeren in westfälischen Dehnungs-Eees mit Fußgängerzonen allgemein oder der Woolworthfiliale am Samstagmorgen.
Heute sind alle Leeren nur noch Elefantenplatzhalter.
Sich in Bad Salzdingsda, nein, Sassendorf, in ein Café zu setzen, getarnt als verloren gegangenes Enkelkind und Beobachterin vierter Ordnung, um Gesprächen diabetischer Damen am Nachbartisch zu lauschen und herrlich amüsiert ihre Rollatorenballets zu bewundern, das ist jetzt mit Elefant gar nichts mehr und vor allem nicht elegant oder angemessen oder lustig.

Es ist nur groß und grau und traurig.

Ich bin in der Lage, über Tote schlecht schreiben, aber nicht über Verdammte. Ich hab die Hölle gesehen, Baby und ich sage dir, Limbo mach ich nicht. Lasst die ohne Hoffnung bitte in Ruhe und mich auch und mach einer jetzt bitte diesen Elefanten da weg. Ich mag nicht, nein, pardon, ich kann nicht mehr. Ich verweigere jetzt. Ich brauche den Job auch gar nicht, oder doch, ach ja, stimmt, andere gibt es ja nicht mehr. Ich bitte um eine kurze ökonomische Bedenkzeit.

Hmm. Lass mal sehen.
Wie schlimm?
OK.
Doch so schlimm.

Ja, hab ich verstanden. Dann schreibe ich halt doch, aber ich schreibe nicht über den Hellweg, sondern nur noch über Elefanten und zwar solange bis der sich auflöst und keine Spuren hinterlässt oder wir uns aneinander gewöhnt haben. Vielleicht finde ich in der Küchenschublade meiner Gästewohnung noch Erdnüsse, mit denen ich den Elefanten dressieren kann, bis der aus meiner Aussicht geht. Oder ich gebe ihm einen Namen, Manfred vielleicht, und ich bringe ihm lustige Tricks bei, die uns beiden den Lebensunterhalt verdienen. Bis ich ihn dann eines Tages einfach nur freundlich nach draußen führe, hinaus, mein Freund, ins Offene.
Oder einfach nur zurück nach Hamm.
Geht auch.

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Von Eindrücken aus dem Hellweg | Fazit

Ein verregnetes Wochenende in Berlin. Treiben einer Großstadt, kurze Mützen auf dem Hinterkopf, Kleidung aus dem Secondhand Laden. Man nennt es Vintage. Oder shabby-chic. Bioläden, Rennräder, Apple-Computer. Club Mate Flaschen, selbst gedrehte Zigaretten, gekrempelte Hosen, minimalistische Tattoos. Die Vermengung vieler Sprachen aus unterschiedlichsten Ländern und Kulturen. Man ist cool, man ist Weltstadt. Arm aber sexy. Alles Menschen der Kunst. Und der Start-Ups. „Home is where your heart is“ und „the concept of home does not appeal to me, I am global citizen. But Berlin, you know, so cool.“ Ankerlos. Traditionslos. Fähnchen, flatternd im coolen Wind.

Der Hellweg im Kontrast. Voller Kontraste. In der Stadtplanung etwa. Andere Welten hinter der Brücke, bis zur Bahnstrecke, in der nächsten Nachbarschaft. Juristen hier, Arbeiter dort. Kraftwerk rechts, Tempel links.
Strähnchen im modernen Kurzhaarschnitt. Markenzigaretten. Bier aus der Region. Vornamen der Kinder im Unterarm verewigt, andere Vornamen als in Berlin. Man spricht deutsch. Oder westfälisch. Start-ups heißen hier Firmen. Status des Eigenheims, des Autos. Gepflegte Vorgärten – was sollen nur die Nachbarn denken. Carports und Garagen, Gartenzäune.

Nachbarschaften im Hellweg. ©mj

Die Herkunft, die Heimat bestimmt signifikant die Identität. „Hamm ist die geilste Stadt der Welt.“ oder „Heessen ist das Zentrum“. Man hat ja alles was man braucht. Stadt. Land. Fluss. Der Hellweg sehr ländlich. Das Ruhrgebiet nicht weit. Aber doch auch: „Nach Düsseldorf an einem Mittwoch Nachmittag ist mir einfach zu weit. Und zu stressig. Da geht der ganze Tag verloren.“

Während Wissenschaftler*innen auf aller Welt die Frage nach Identität untersuchen, hält sich das Thema hier keine Zigarettenlänge. Identität ein Mosaik mit scharfen Kanten. Deutsch. Westfälisch. Sind schwarz-gelb, respektive blau-weiß. Sind, in sperrigem deutsch: Interessensgemeinschaften. Wie die Gruppe Mazda-Cabrio-Fahrer an einem spätsommerlichen Sonntag Nachmittag, in Kolonne fahrend. Oder die Jungs am Bahnhof, alle mit Bierflasche in der Hand, alle mit dicken Buchstaben auf dem Shirt: SC Hackenstramm.
Cool also schon auch. Nur anders. Und vor allem: local citizens. Fest verankert, verwurzelt. Verankert in Vereinen und Verbänden, in Organisationen, in Traditionen, in Freund*innen und Familien. Alle leben sie hier, seit Generationen. Oder kehren zurück, früher oder später. Von hier kommen sie, hier leben sie, hier bleiben sie. Wollen auch mal reisen. Vielleicht sogar weiter weg. Aber.
Eine Zufriedenheit mit dem, was vor der Haustür liegt. Was die Nachbarschaft hergibt. Was Traditionen vermitteln.

In Städten wie Berlin nur wenig von so etwas, was als nationales Selbstbewusstsein betitelt werden könnte. Im Hellweg immer wieder die Vergewisserung des Selbstverständlichen. Markierungen der Zugehörigkeiten, der Sympathien, der Gesinnungen. Vermutlich selten als Kritik am Anderen gemeint.
Für Außenstehende, für mich, aber implizit. Markierung als Deutsch in Deutschland ist Markierung der Deutungshoheit. Ist Aus- und/oder Abgrenzung. Oder Eingrenzung, Begrenzung des Horizonts, je nach Perspektive und Blickwinkel.

Flaggen im Hellweg ©mj

Wege, Orte, Begegnungen, die meinen Alltag prägen, meist in Großstädten. Mein Rhythmus getaktet von Transportmitteln, von Kommunikation in unterschiedlichen Sprachen, von ‚Projekten‘ hier und dort. Das Verschwimmen von Zeitzonen, von Stadt- und Landesgrenzen. Vernetzung ist das Schlagwort. Ein Grundsatz: Raus aus der Komfortzone. Versuchen, das Andere zu verstehen. Das Fremde. Das Unbekannte. Füreinander sensibel, füreinander aufmerksam machen, miteinander lernen. Das Miteinander ist auffällig im Hellweg.

So fremd mir der Hellweg anfangs war, vielleicht noch ist, so bereichernd waren vier Monate dort, so sehr schätze ich die Vielfalt, die Zufriedenheit, das Miteinander, sei es auch geprägt von lokalen Patriotismen und Rivalitäten, die mir unverständlich sind und bleiben. Das Unverständnis aber nicht relevant.

Relevant ist eine Offenheit. Empathie und Solidarität, im Großen nicht erst jüngst niedergeknüppelt von sozioökonomischen Wandeln, von Differenzen zwischen Stadt und Land, Nord und Süd, von West und Ost.
Was sind Traditionen, während wenige Konzerne zunehmend Denken und Handeln lenken und global normieren?

Vier Monate in einer unbekannten Region, Eindrücke aus Landschaften, aus Stadtgeschehen, Geschichten von Menschen, viele Fässer ohne Boden. Ein Privileg. Reisen bildet. Die Begegnung mit Nachbar*innen aus anderen Regionen. Nachbar*innen im Hellweg, oder Düsseldorf oder Berlin, oder Brüssel, Damaskus, Beijing, Santiago. Die Begegnung mit dem Unbekannten eine Begegnung mit sich selbst. Mikrostrukturen als Exempel für Makrostrukturen.

Zurück in Großstädten erzähle ich Geschichten aus dem Hellweg. Kein Baumarkt, eine Kulturregion in NRW. Auch mir neu. Neue Gedanken zu Heimat, zu Deutschland im Sommer 2017. Neue Rhythmen, Traditionen, Sprachgebräuche.
Im Hellweg, so glaube ich gelernt zu haben, sagt man nicht tschüss. Stattdessen: Bis dahin!

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