social disdancing with myself

v _ e _ r _ r _ u _ e _ c _ k _ t _ e   zeiten

oder der distanz zwischen mir euch uns & corana

 

 

da schlag ich holderdipolter in einer anderen stadt auf

stolper in einen haufen wunderbarer menschen

die mich aufnehmen und einladen

und plötzlich ist da was zwischen u/n/s

was uns  t-r-e-n-n-t

 

 

man kann es nicht sehen

man kann es nicht hören

man kann es nicht riechen

man kann daran sterben

so sagt man

so hört man

so sieht man

sich nicht mehr

und wenn man nicht daran glaubt

oder wenn man zeigt dass man nicht daran glaubt

dann ist man

natürlich

unsolidarisch

mit den kranken alten und schwachen

ein egoist

so sagt man

so glaubt man

so tut man

nichts

 

 

 

wann werde ich endlich den stammgästen in der eckkneipe zuprosten?

wann werde ich endlich beim besten inder dieser stadt schmausen?

wann raus aus do in den pott?

nach duis

nach ess

nach reck

nach gels

nach hag

nach ob

doch ich

bin brav

und treff nur noch

kassierer*innen

security

polizeier

und halte abstand

social disdancing with myself

 

 

 

 

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RUTHCHEN MADE MY DAY

donnerstag vor dem corona-erlass: heute nachmittag scheint volle kanne die sonne und ich beschließe an der frischen luft in den dortmunder westpark zu flanieren. überall sitzen oder laufen menschen mit bierflaschen in den händen herum und laben sich an den ersten warmen sonnenstrahlen. ich suche mir eine einsame sonnenbank und bin gerade dabei visuelle poesie in meine kladde zu kritzeln, als sich ein weißhaariges mütterchen zu mir setzt.

da mein rucksack fast die gesamte sitzfläche beansprucht, räume ich ihn schnell auf die andere seite und schon eröffnet die etwa 1,60 m kleine dame das gespräch: lassen se nur – ich will nuur kurz verschnaufen – von wegen! sie rückt nun fast bis auf tuchfühlung an mich heran, so dass ich ihren süßlichen milchkaffeeatem rieche, und plaudern will se, aber dass ist mir gar nicht so unrecht. sie wohnt hier umme ecke, ist 93 jahre jung und führt immer noch ihren eigenen haushalt. ihr mann, also der willie, der lebe nich mehr und sei schon mit 59 an speisenröhrenkrebs verstorben, der hätte bei der bundesbahn gearbeitet und immer so viel geraucht.

ab und an stupst sie mir beim erzählen burschikos ihren ellenbogen in die seite. ja ihr gedächtnis, das lasse sie jetzt manchmal im stich, aber man sei ja schließlich schon 93. als junges mädchen habe sie bei der westdeutschen drahtseil verkaufsgesellschaft gelernt und gearbeitet. das sei ein langer fußweg gewesen: jeden tag bis runter in den hafen und abends wieder zurück ins unionsviertel. dann kamen die kinder, zwei mal jungs – macht ja nix -, und als die aus dem haus waren, da habe sie wieder angefangen zu arbeiten bei waldschmidt.

der willi habe ihr immer viel von den wichtigen entscheidungen überlassen und sei auch sonst ein ganz lieber gewesen. manchmal, wenn sie dran waren mit dem putzen, habe er schon den boden und keller fertig gehabt, wenn sie vom arbeiten kam, das sei ihr gar nicht recht gewesen: was sollen denn die anderen im haus denken. wenn er gleich auf spätschicht mußte, dann hing der willi schon im fenster, wenn sie nach hause kam: gehste wieder schwofen? fragte er dann. dass war ihm gar nicht so recht, aber sie ging trotzdem zum tanztee und er gewöhnte sich irgendwann daran. die besten tänzer hätte sie immer abgekriegt. 44 hat der willi sich mit siebzehn freiwillig als soldat gemeldet und war in italien in der nähe von rimini gewesen, da hamm se nach dem krieg auch immer urlaub gemacht. und dann isser er so weit rausgeschwommen, bis sie nur immer noch seine haare sah, da habe sie angst gekriegt und gedroht sofort nach zu hause zu fahren, wenn das nicht aufhören tut. im nachherein sage sie sich immer: och ruthchen, hätte alles schlimmer kommen können. hauptsache die kinder sind gesund und lieb zu einem.

hier im park hätten sie immer im sandkasten gespielt. wie schnell doch so ein leben vergeht. und als dann die tommies mit ihren flugzeugen kamen, diese ganze bombenschmeißerei! bei alarm sei sie hier in den bunker gerannt, schnellschnell die treppe runter. der sei heute ein museum. sie erinnere sich noch an einen männerarm, der aus den trümmern des völlig zerstörten dortmunder hauptbahnhofs herausgeschaut hatte, nee, das könne sie nicht vergessen…

als ich sie frage ob sie denn keine angst vor corona habe, muss sie nicht lange überlegen: warum soll ich denn angst haben? wenn ich dran bin, dann bin ich dran. ich bekomme gänsehaut: haargenau das gleiche, hatte vor einer stunde meine 92jährige mutter, die von papa brandstifter (93) auch manchmal ruthchen genannt wird und meiner parkbekanntschaft gar nicht so unähnlich ist, ihrem besorgten sohn auch gesagt am telefon.

mittlerweile ist die schöne warme sonne wech. ich habe kalt und muß mal. auch ruthchen macht weiter und verabschiedet sich von mir mit einem knappen aber herzlichen: tschüß, woll! ob ich sie wohl noch mal wieder sehen werde? auf dem weg zum berühmten dortmunder U unter dem dach der ehemaligen union-brauerei komme ich bei waldschmidt haushaltwaren vorbei, ja die gibst tatsächlich noch hier.

ich überquere die unionstraße und schau erstmal in den dortmunder kunstverein herein. dort ist die sehr poetische art brut ausstellung von anne-lise coste LA LA CUNT zu sehen. sogar danach noch, da sie täglich von 11-18 Uhr beleuchtet wird und über die rundum laufende fensterfront von außen sichtbar ist. weil es dort keine toilette gibt, geh ich rasch ins dortmunder U und schaue mir bei der gelegenheit auch gleich WELCOME TO THE FLUX INN an: im vierten stock hängt die überlebensgroße reproduktion eines fotos vom fotografen wolfgang träger, auf dem er den fluxus mitbegründer ben patterson abgelichtet hat, wie dieser gerade dazu ansetzt, eine geige auf dem pickelhaubenbewehrten kopf des dortmunder kulturdezernenten jörg studemann zu zerschlagen.

BEN hatte bis zu seinem tod 2016 in wiesbaden, der nachbarstadt meiner homebase mainz, gelebt und wir hatten in beiden städten zwei wunderbare aktionen zusammen durchgeführt. die zweite, SILENT REFUGEE NIGHT, war leider sein allerletzter liveauftritt gewesen. schön zu sehen, dass BEN hier als fluxus pop star gewürdigt wird.

an einer pinwand werde ich museumspädagogisch aufgefordert eine handlung durchzuführen, die sich ein vorheriger besucher ausgedacht hat, sowie mir eine neue handlungsanweisung für den nächsten zu hinterlassen: ich lächel ein kind an und hinterlasse einen weißen zettel auf den ich mit bleistift RUTHCHEN, MAKE MY DAY! geschrieben habe…

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BARES FÜR RARES

weil das ruhrgebiet nicht nur dortmund, die stadt ohne namen, ist geht’s heute abend zur ersten (und vermutlich vorerst letzten) exkursion. ziel ist die helge schneider stadt mülheim. im hauptbahnhof DO zieh ich mir schnell noch ein teures monatsticket und schon kommt künstlermusiker achim zepezauer (siehe WTF is DADADO? und wir springen auf den regionalzug richtung kölle. was ich nicht weiß: ticket2000 wertmarke ohne dazugehörige karte (+ weiteren lichtbildausweis) ist wie krone ohne könig oder eifeltum ohne paris. der resolute zugschaffner hätte mich glatt in der nächsten station rausgeschmissen. da achim eine weitere person mitnehmen darf, bleibt mir dieses schicksal, im gegensatz zu unserem ebenso ahnungslosen nachbarn, erpart. nun weiß ich was fräulein nina meinte mit: VRR ist die hölle! keiner kennt sich aus…

erstaunlicherweise kennt auch niemand dem ich in DO davon erzähle das  makroscope. laut definition der blick auf’s große und ganze und für mich ein highlite für experimentelle improvisierte musik jenseits von bräsigen jazzfestivals, donaueschinger musiktagen und neuer musik mit stock im arsch. viele meiner musikerfreunde und kollegen wie limpe fuchs, ronnie oliveras oder ruth maria adam haben hier schon fleißig klarinettiert, gefiedelt und gedengelt. ebenfalls im angebot: das hauseigene label ana ott, wo strickmanns peter seine wunderbare schnarchmusik (kein witz) auf vinyl veröffentlicht hat. weiterhin ist dort das lebendige museum für fotokopie mit einer sammlung zur geschichte der fotokopie und copy art, workshops und ausstellungen. 2019 hatte ich mit dem gründer des museums klaus urbons und weiteren künstler*innen, die den fotokopierer zum kunstmachen benutzen eine copy art ausstellung in buffalo NY. einer meiner ältesten künstlerischen kollaborateure, jürgen o. olbrich aus kassel, mit dem ich gerade eine handbearbeitete edition mit impfpässen für hunde & katzen erstellt habe, hat dort auch schon ausgestellt. das alles unter einem dach und an jedem wochenende ein interessantes event. die wochenenden im pott schienen gesichert…

an diesem abend aber war die corona panik noch nicht wirklich im ruhrgebiet deutschland angekommen und veranstalter dennis dix nimmt alle eintretenden erstmal herzlich in den arm. heute (19.03.) würde er für diese an sich harmlose und liebvolle geste vermutlich gelyncht werden. das publikum, inklusive dem zottelbärtigen barfußläufer und dem kind mit mickymaus gehörschutz, wirkt irgendwie handverlesen aber durchaus unhomogen authentisch. an der theke sitzt schon der aus florida stammende noise musiker sisto rossi auf einem barhocker und schlürft belgisches leffe bier. wir hatten uns nach einem phantom limbo konzert in der oettinger villa am bahnhof in darmstadt kennengerlernt und er ist dabei, einen auftritt für uns beide in einer essener galerie zu arrangieren. dann wiedersehen mit jan ehlen von den raumzeitpiraten, die ebenso wie ich letzen sommer bei der licht- und klangkunstnacht zum dreißigjährigen jubiläum im künstlerdorf schöppingen aufgetreten sind. ich erzähle von meinem stipendium als regionsschreiber und er ist feuer und flamme ein partizipatives fundzetteldepot im makroscope für das projekt asphaltbibliotheque ruhrgebiet asphaltbibliotheque ruhrgebiet  aufzustellen.

der erste act ludwig wittbrodt ist ein duo wie es viel gegensätzlicher nicht sein könnte. die eher zierliche emily wittbrodt am cello – ebenso wie achim assoziert bei dem 25-Piece sound collective the dorf  – und der kräftige riese edis ludwig am laptop und selbstgebauten noisegeneratoren. immer wenn die glassvitrine bei extremen bassfrequenzen mitscheppert schauen achim und ich uns grinsend an und ich kann mich kaum zurückhalten die vitrine zum mitspielen zu benutzen. brandstifter, alte rampensau: du bist neu hier, also sei schön brav, halt dich zurück, amüsier dich und guck lieber erstmal zu. deine zeit wird kommen 😉

viel zu hören und auch zu kucken gibt’s dann beim zweiten set. das phobos, dysfunctional robotic orchestra ist eine gruppe kleiner roboter und automatischer musikgeneratoren, die sich zu einem dysfunktionalen roboterorchester zusammenschließen, einem orchester seltsamer instrumente mit defekten und genetischen mutationen. die gruppe aus portugal hat mit ihren maschinen eine riesige tischlandschaft bestückt. überall blinkt es und geschehen interessante dinge, die den klanggarten von phobos zum blühen bringen.

da einer der beteiligten am noise vs poetry abend krank geworden ist kommt die anfrage, ob ich nicht am 21. merz auftreten möchte. als weiteres projekt ist igitt, ein non input mixer duo mit dennis & sisto am start. zufälligerweise war tilmann jakob, der ursprünglich an dem abend hätte auftreten sollen, gerade erst im februar in frankfurt gastgeber gewesen, als ich in der reihe xerox exotique im institut für neue medien mit meinem incredible labertierchens orchestra aufgetreten war. die welt ist klein in der szene, in der wir uns bewegen. das hatte ich schon in new york festgestellt. mal sehen was sich nun alles verändern wird. auf facebook wimmelt es von petitionen für grundeinkommen und krediten, die die regierung auch kulturschaffendenden in aussicht stellt. kredite paßt nicht: bares für rares, bitte! wir kreativen hungerleider sind ja findig und anpassungsfähig wie ein blatt im wind und wenn die anderen kleinunternehmer auch nix haben fällt vielleicht endlich mal auf was wir alles die ganze zeit leisten auch ohne an den großen tröpfen zu hängen.

zwei tage nach frankfurt war ich vor fastnacht zu einem gig mit meinen projekt ANTIBODIES nach berlin geflüchtet. wenn man bedenkt, was nur EIN coronainfizierter bei einer karnevalsgesellschaft im kreis heinsberg ausgelöst hatte, so ist in dem zusammenhang das wort flucht sicher nicht übertrieben…

es ist mittlerweile schon spät oder eher früh und um lange wartezeiten zu umgehen müssen wir dringend zum zug. achim braucht ein bißchen, um seine am tresen versackte nachbarin einzusammeln. die übliche abschiedszeremonie rollt ab. pipi gehen, ciao sagen, jacke anziehen. endlich rennen oder torkeln wir im trio gen bahnhof, wo wir gerade in allerletzter minute unseren zug erwischen. scheiß wodka! kaum dass wir sitzen wird unsere mitfahrerin ziemlich blass um die nase und verschwindet auf toilette. ab DO HBF fahre ich allein mit der 43 zur heinrichstraße weiter. quasi schwarz. noch ist mir nicht bewußt, dass es schon jetzt gravierendere gründe gibt den nahverkehr besser zu meiden und dass einrichtungen wie das makroscope bald um ihre existenz bangen werden, da schon nächste woche alle kommenden öffentlichen veranstaltungen auf eis liegen werden…

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WTF is DADADO?

an meinem ersten MERZmorgen in DO – corona schien noch weit… – stoße ich im internet auf eine ausstellungsankündigung: VIVA DADAˈ20. DADA – ja gibt’s das denn überhaupt noch? und warum in DO? der deutsche spießer ärgert sich doch schon lange nicht mehr… oder etwa doch? heute letzter tach: also nix wie hin ins künstlerhaus dortmund, da war ich doch mit meinem brandbeschleuniger gestern vorbeigedüst, und schon laufe ich dieter gawol, dem mastermind der internationalen DADAmesseDO, direkt in die arme…

DADADO im künstlerhaus

wir stellen uns einander vor und schnell eine gemeinsame schnittmenge über das zauberwort mit den vier buchstaben her: dein schaukelpferd sei mein schaukelpferd. schnell füllen sich die mit einer flut von von originellen bildern, dokumenten, objekten und installationen jenseits und diesseits der zeitgenössischen kunstszene bestückten räumlichkeiten mit ihren symphatischen schöpfer*innen, einem illustren POTTpourrie aus künstlerischen laien, dilettanten und profis, theaterleuten, filmemachern, musikern, autoren, einem juristen und sogar einer schreibenden pfarrerin, die mir vespricht ein gutes wort gegen das laute bimmeln um halb acht vor meinem schlafzimmer in der adlerstraße einzulegen.

DADO bin ich also gerade richtig und mein projekt asphaltbibliotheque ruhrgebiet wird prompt bei der intermezzi/after show – wer kommt, der kommt! gesinnungszwangsverpflichtet und für die nachwelt auf zelluloid gebannt.

dada einhorn guido schlösser

dann ist DADAmucke angesagt: vor hans-ulrich heusers lyrikpott 100 wörter huelsenbecks und dem wunderbar stoisch schifferklavierenden mitglied des hampelstern-terzetts guido schlösser schießt sein bandkollege das innere schaukelpferd bei mir ab:  erhitzt wasser, mahlt bohnen, brüht live on stage frischen kaffee und amalgamiert die dabei hervorgerufenen schrot&blubber- GERAUESCHE mit wasserdichten tonabnehmern und selbstgebauten tonerzeugern zu einer konkreten soundcollage. abschließend bläst er uns keck frischen kaffeeduft mit einem miniventilator, wie ich ihn auch gerne selbst live benutze, um die nase. hmmm! ich und die gesamte erste reihe bekommen einen pappbecher des etwas dünnen aber sehr originellen fluxiven performancerelikts von ihm kredenzt.

dada melitta mann achim zepezauer

ich selbst habe auf meinem künstlermusiklabel FLUX ON DEMAND eine CD mit geraeuschen von fiepsenden thermoskannen & röstgeraeuschen in handgemachten kaffeeringhüllen veröffentlicht und stelle gerade eine ausstellung mit kunst aus gebrauchten kaffeefiltern für den mainzer kunstverein walpodenstraße 21 e.v.  mainzer kunstverein walpodenstraße 21 e.v. zusammen. der melitta-mann aus DO, der kaffee zum hörgenuss macht, ist dafür vorgemerkt! wie ich am weltfrauentag erfahre, hat die berühmte kaffeefiltererfinderin melitta bentz ihr unternehmen ab 1929 im ostwestfälischen minden geführt.

in DO dagegen ist der berühmte DADAist, arzt, schriftsteller und mitbegünder des cabaret volataire richard huelsenbeck beigesetzt. er hat viele dortmunder freigeister, wie den autoren, schauspieler, pädagogen und DADADOguru jürgen KALLE wiersch inspiriert, der direkt neben dem grab huelsenbecks auf dem südwestfriedhof seine letzte ruhe finden sollte. geboren und aufgewachsen war huelsenbeck in der elterlichen apotheke im hessischen frankenau. weil aber die geizigen bauern ihre medizin nicht zahlen und die mutter in der einöde trübsinnig geworden sei, war die ganze familie kurzerhand nach dortmund und bochum gezogen und richard von dort aus erst als schriftsteller & DADAist, dann als arzt und psychoanalytiker in die große weite welt hinaus bis nach new york gezogen.

südwestfriedhof dortmund huelsenbeck grab

auf einladung von birgit & alex, dem sohn der gründerin des frankenauer huelsenbeck museums hildegard feidel-mertz, hatte ich ich 2014 in der alten apotheke übernachtet und fotos und fieldrecordings aufgenommen. mit einem gläsernen aschenbecher, auf dem angeblich die letzte zigarre huelsenbecks am comer see ausgeglüht war, hatte ich ambiente feedbackgeraeusche erzeugt und alles als WHEN HULBECK’S LAST CIGAR GENTLY WEEPS veröffentlicht.

when hulbeck's last cigar gently weeps

am 11. mai soll nun meine klangkompositon bei der veranstaltung DADA, punk und huelsenbecks letzte zigarre im rahmen von musikland hessen hr2-kultur, in der alten apotheke aufgeführt werden: eintritt nur einzeln auf rezept und doc feidels vortrag mit mundschutz?! die letzte zigarre soll man besser nicht herbeireden… time will tell!

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DODO ist DADA

dort, wo ich herkomme, heißt „da“ „do“. dass ich ausgerechnet in DO meine homebase aufschlagen würde, war eine überraschung. dortmund? da da war ich doch schonmal…

rückblick dortmund 1998: im innenhof vom atelier kai richter stehe ich am stand meiner aktion D.E.P. und versuche die sturen westfalen dazu zu bewegen ihre die eigene partei zu gründen. es ist zwar eiskalt doch wodka red bull verleiht uns (thomas horneber, axel honer und mir) warme flügel… irgendwo unterirdisch spielt die gruppe MULTER, aber man kann sie nicht sehen… wo war elvis pummel eigentlich an dem abend? ihn und die dortmunder indoorsurfers (mario schulte, harald wissler und kay berthold) hatte ich 2000 bei EXTRAPOOL in nijmegen kennnengelernt. ein paar jahre später seelensanierung & altlastenentsorgung  in einem ehemaligen autohaus, wo mich kay als dr. brandstifter im artzkittel ablichtet.

irgendwo in der innenstadt noch als BRANDSTIFTER LIVE VOM BÜGELBRETT BRANDSTIFTER LIVE VOM BÜGELBRETT wild & laut eine disco fast leergespielt. danach den vagen plan auf dem weg nach hannover oder berlin mal beim elektrischen kaminabend im sissykingkong aufzuschlagen und bis heute losen kontakt mit den exildortmündern harald & mario (STEINE) und dessen bruder doc schoko in mainz und berlin.

schließlich november 2019 der telefonanruf vom kulturbüro niederrhein: die jury hätte getagt und mein projekt für toll befunden und für ein stipendium ausgewählt. alle regionen wären interessiert gewesen. wärmster empfang auf allen kanälen! als regionschreiber soll ich nun in vier monaten das ruhrgebiet auflesen und eine ASPHALTBIBLIOTHEQUE aus gefundenen texten errichten – ich, der interdisziplinäre aktionskünstler, der kunstwolf im literaturpelz aus rheinland-palz. das ruhrgebiet hatte ich mir wegen stadtbesetzung/urban art rausgesucht, wo ich 2015 in bergkamen meine fundzettel im fahrplanschaukasten einer bushaltestellenbahnhof neben der fahrertoilette ausstellen durfte und für eine livesendung zum WDR fernsehen nach düsseldorf eingeladen wurde. ein jahr später noch ein schulprojekt mit der europaschule im schaurig schönen castrop-rauxel. danach war klar: interessante geschichte. landschaft mit viel grün und industrieromantik, mit viel handgeschriebenem, auch in fremden sprachen und schriftzeichen: der RUHRasphalt hat POTTential!

und nun wieder nach DO? aber gerne! also im merzen den brandbeschleuniger vollgeladen und horch was kommt von draußen rein durch das regennasse sauerland über die A45, die mir über meine projektstipendien im künstlerdorf schöppingen und kloster gravenhorst wohl vertraut ist.

erst mal andocken im hafen bei meinen gastgebern claudia, kai und frankie vom  depot. als ich vor meinem wohnatelier in der adlerstraße stehe mache ich meinen ersten fund: ein packen aufgeweichter berufschulzeugnisse in einer mürben klarsichthülle

und ernte auf dem weg zum supermarkt noch einige preziosen wie diese bunte A5 kinderzeichnung, die 3x gefaltet vor dem missin‘ link lag…

 

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22:02 Uhr, Konzerthaus Dortmund

Das, was uns verbindet, ist der Geruch des Unkonventionellen. Wir sind Feldforscherinnen mit einem Hang zur pragmatischen Romantik. Alles, was wir sehen, ist aus sich heraus mit einer Schönheit verbunden, die sich durch das Zusammenspiel von Brüchen ergibt. Vollkommenheit durch Unvollkommenheit, es ist das Prinzip unserer Beobachtungen. Das haben wir geübt, gemeinsam, vier Monate lang. Wir haben zusammengesessen, abends, am Küchentisch, haben über Begebenheiten gesprochen, Vorfälle und Auffälligkeiten. Das hätte dich interessiert, haben wir uns einander gesagt. Das hättest du sehen sollen. Gemeinsam haben wir eine Karte angelegt, eine Kartografie des Alltags – es ist zu meinem Forschungsvorhaben geworden, die nächsten Jahre und darüberhinaus (danke).

Im Konzerthaus fallen wir nicht auf, wir sitzen ruhig und husten wie alle anderen nur zwischen den Stücken. Wir fühlen uns wohl in diesem kastenförmig lila-weiß ausgeleuchteten Konzertsaal, bräuchten den Anblick der Orgel aber nicht (zu religiös konnotiert). Wir lassen uns ein auf die Geigen und ihre wogenden Bogen, auf die roten Wangen des Klarinettenspielers und die Leichtigkeit der Kontrabassist*innen und Cellist*innen. Dirigentenlos! ist das Credo das Abends, und das Überraschungsmoment nach der Overtüre: Erstmal wieder aufstehen, im Konzertgraben verschwinden; die Erste Geige, die für Sekunden vor verschlossener Tür steht, einfach, weil er die Erste Geige ist und es nicht zu seinen Aufgaben gehört, sich selbst Türen zu öffnen, eine elitäre Haltung, die durch das Hereinfahren des Klaviers fein gebrochen wird.

Unser Liebling ist der Paukenspieler. Er sitzt auf einem blauen Bürostuhl, seine Beine sind zu kurz, ist er nicht im Einsatz, schwebt er über dem Boden.

Wir sehen so viel,
wir sind Stenografinnen unserer eigenen Flüchtigkeit.
Aber, wohin damit?
Wohin mit all den inneren Aufzeichnungen?
Permanentes Mitteilen, ständiges Aussprechen des Moments im Moment,
es müsste eine Aufnahmefunktion dafür geben.
Und ein Archiv, das sich selbst verwaltet.

Beobachten um des Beobachten willens; als wir das Konzerthaus verlassen, ist die Vollkommenheit da: eine Gruppe von Partygängern, in den Händen Dosenbiere und Liebschaften, auf dem Weg zu einem der vielen Imbisse im Brückviertel. Ein Kontrast, der das Ende einleitet. Perfekter wird es nicht. Und dann müssen wir auch gar nicht auf die Stadtbahn warten. Sie steht nämlich schon da. 22:16 Uhr


>Letzter Abend in Dortmund<

Meinen letzten Abend im Ruhrgebiet habe ich im Konzerthaus Dortmund verbracht. Zu Gast war der US-amerikanische Pianist Murray Perahia, der gerade mit der Academy of St. Martin in the Fields, einem in Barockmusik und Wiener Klassik bewanderten Kammerorchester, auf Europa-Tournee ist. Der Abend widmete sich Ludwig van Beethoven, es wurden unter anderem die Ouvertüre zu „Die Geschöpfe des Prometheus“ op. 43, Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 C-Dur op. 15 und Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 c-moll op. 37 gespielt. Selten war ich von einem Sinfoniekonzert so begeistert.

>Konzerthaus Dortmund<

Das Konzerthaus Dortmund ist seit 2002 mitten im Brückviertel angesiedelt – dem „Döner-Dreieck“ von Dortmund. Manche würden es auch als Szeneviertel bezeichnen. Der Kontrast, der durch den direkten Clash von E- und U-Kultur und den damit verbundenen Habitus entsteht, ist einer, der mich durch und durch begeistert und bei dem ich glaube, dass er signifikant für das Ruhrgebiet ist.
Im Brückviertel war ich in den vergangenen Monaten sehr oft, habe diverse Imbisse ausprobiert und war mehrfach in der Schauburg, einem über 100 Jahre alten Programmkino.
Das Konzerthaus selbst ist Garant für Klassik, Jazz, Weltmusik und Pop. Markenzeichen ist ein geflügeltes Nashorn, das man überall in der Innenstadt von Dortmund antrifft.

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